Kommentiert: Cameron hat versagt

Kommentiert: Cameron hat versagt

Die britische Regierung hat versagt. Die Kampagne gegen die Abspaltung Schottlands vom Vereinigten Königreich ist nämlich gescheitert.

Das steht schon fest, bevor die Schotten heute darüber abstimmen, ob sie lieber in einem unabhängigen Land leben oder doch ein Teil des Königreichs bleiben wollen. Allein die theoretische Möglichkeit, dass die Schotten zu ihrer Trennung Ja sagen könnten, reicht schon, um den Unionisten ein Armutszeugnis auszustellen.

Die konservative britische Regierung um Premierminister David Cameron hat es zuerst über Monate nicht geschafft, den Schotten das Gefühl zu geben, ernst genommen zu werden. Das Londoner Verhalten wirkte lange so, als würde ein Herrchen versuchen, seinen aufsässigen Hund zu erziehen. Zuerst mit stoischer Ignoranz, dann mit dem Androhen von Konsequenzen. „Better together“ heißt die Kampagne gegen die Abspaltung — besser, wir bleiben zusammen. Der Name war aber auch schon die einzig positive Botschaft. Wenn Ihr unabhängig werdet, dann kriegt Ihr das Pfund nicht als Währung, dann werdet Ihr nicht in die EU aufgenommen, dann bricht Eure Wirtschaft zusammen, dann könnt Ihr den Lebensabend für viele ältere Menschen nicht mehr bezahlen. Das waren die negativen Botschaften.

EU-Austritt ist eine Sackgasse

Über Monate zeichneten die Unionisten ein Horrorszenario nach dem anderen. Der Versuch, den Schotten Angst vor einer Unabhängigkeit zu machen, hat aber das Gegenteil bewirkt. Der Widerstandswillen vieler ursprünglich unentschiedener Schotten wurde geweckt. Und so haben die Nein-Befürworter den großen Vorsprung, den sie noch zu Jahresbeginn in den Umfragen hatten, komplett verspielt. Das Ja hat realistische Siegchancen. Und die sind in den vergangenen Tagen noch gestiegen. Denn plötzlich, als die Umfragen vor zwei Wochen erstmals eine Mehrheit für Ja aufwiesen, ging Cameron in die Offensive und schoss dabei ein Eigentor. Seine Bekundung, dass es Millionen Briten das Herz brechen würde, wenn die Schotten die britische Familie verlassen, muss nach all den Drohungen zuvor gewirkt haben wie blanker Hohn.

Ein weiterer kapitaler Fehler des Premierministers ist aus schottischer Sicht seine Europa-Politik. Cameron will 2017 darüber abstimmen lassen, ob das Königreich aus der EU austreten soll. Für die Schotten, die seit dem Mittelalter ein besonders inniges Verhältnis zum europäischen Festland pflegen, ist das undenkbar. Wenn sie heute für Nein stimmen, dann laufen sie Gefahr, im Sog der englischen Stimmgewalt trotzdem aus der EU zu fliegen. Daher denken viele Schotten, dass sie beim Referendum mutmaßlich keine andere Wahl haben als die Unabhängigkeit, wenn sie weiter zu EU gehören wollen. Als eigenständiges Land hätten sie nämlich die Chance auf eine eigene Mitgliedschaft.

Was passiert, wenn Schottland Ja sagt, ist kaum absehbar. Für den Fall, dass es ein Nein wird, lassen sich Hoffnungen formulieren: Dass London den Warnschuss gehört hat, den es schon hätten hören müssen, als das Referendum zustande gekommen ist. Die Engländer müssen verstehen, dass das sozialliberale Schottland anders tickt als das konservative England. Dies kann nur mehr Selbstbestimmungsrecht für das selbstbewusste Volk im Norden bedeuten. Und England sollte erkennen, dass der Weg raus aus der EU nur in einer Sackgasse enden kann.