Kommentiert: Blanker Hass

Kommentiert: Blanker Hass

Früher war alles besser — zumindest an der Oberfläche. Die Rollen waren verteilt, Gut und Böse klar unterscheidbar. Nach unzähligen Studien und einer Internet-Revolution wissen wir längst: Dieses Bild stimmte so nie.

Die Rassisten sind mitten unter uns, auch im Westen. Und sie werden immer dreister und hemmungsloser, immer aggressiver, immer gefährlicher. Den sozialen Medien gebührt das Verdienst, dass sie einen ungefilterten Einblick in das verquere Seelenleben eines Teiles der Bevölkerung erlauben, den man längst nicht mehr nur als braunen Bodensatz abtun kann.

Dort der fremdenfeindliche Ossi, ein Hinterwäldler vor dem Herrn, der sich nie zu fein war, im Feinripp-Unterhemd vor der Fernsehkamera über die „kriminellen Neger“ aus der Nachbarschaft zu nörgeln; und auf der anderen Seite der Westler, stets weltoffen und hilfsbereit, wenn irgendwo Menschen in Not sind. Das war einmal.

Da geifert der pensionierte Akademiker gemeinsam mit dem Harz-IV-Empfänger, die Hausfrau mit dem etablierten Handwerker. Das alles vereinende Feindbild: Flüchtlinge, Fremde, Politiker und die ach so blöden Gutmenschen der Presse, die einfach nicht erkennen wollen, was Ausländer aus diesem einst so schönen Land schon gemacht haben.

Und allesamt haben sie überhaupt keine Scheu mehr, ihre braune Gesinnung unter ihrem Klarnamen nebst Profilfoto zu verbreiten. Quer durch alle Schichten ist Rassismus in Teilen der Bevölkerung offenbar salonfähig geworden. Facebook und Twitter wirken wie Brandbeschleuniger: Nie war es einfacher, seine Meinung zu veröffentlichen und sofort Beifall von Gleichgesinnten zu erhaschen.

Das bekam zuletzt Til Schweiger zu spüren. „Verpisst Euch von meiner Seite!“, giftete der Schauspieler zurück, nachdem Nutzer der Plattform über Flüchtlinge herzogen hatten. Blanker Hass schlug der ZDF-Journalistin Dunja Hayali entgegen, weil sie am Donnerstagabend das Phänomen in ihrer sehenswerten neuen Talkshow aufgriff.

Als die „Nachrichten“ in dieser Woche über einen in Alsdorf lebenden Flüchtling berichteten, der ein Sparbuch nebst 1000 Euro Bargeld gefunden und bei der Polizei abgegeben hatte, hagelte es rassistische Kommentare voller Häme auf Facebook.

Ihr seid nicht Deutschland!

All das überschattet die vielen positiven Nachrichten, die überwältigende Hilfsbereitschaft, mit der ein großer Teil der Bevölkerung auf die Flüchtlinge zugeht. Die Trolle aus dem Netz sind dabei, die Stimmung zu vergiften. Anschläge und Übergriffe sind heute schon an der Tagesordnung. Das darf die schweigende Mehrheit nicht länger hinnehmen. Den „Zorn der Zivilisierten“ beschwor der Blogger Sascha Lobo unlängst. Man könnte es auch weniger gewählt ausdrücken und mit Til Schweiger ausrufen: „Haut ab! Ihr seid nicht Deutschland!“

Und allen Pöblern auf Facebook sei gesagt: Das Strafrecht ist in Sachen Beleidigung und Volksverhetzung durchaus eindeutig. Niemand, der abends auf der Couch den inneren braunen Schweinehund auslebt, sollte sich zu sicher wähnen.

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