Kommentiert: Bis zum Umfallen?

Kommentiert: Bis zum Umfallen?

Flexibilität: Das schon in die Jahre gekommene Modewort und stete Mantra von Unternehmern und deren Lobby-Verbänden haben nun auch die Gewerkschaften für sich entdeckt. Grundsätzlich ist der Vorstoß der IG Metall tatsächlich mehr als eine Überlegung wert: Warum sollen Arbeitnehmer nicht für eine begrenzte Zeit im Job kürzertreten können, wenn es die Lebensumstände erfordern?

Fatal wäre allerdings, wenn sich im Gegenzug die Arbeitgeber mit ihren teils maßlosen Forderungen durchsetzen würden. Auf dem Spiel steht nicht weniger als die Gesundheit der Mitarbeiter.

Risikofaktor Schichtarbeit

Medizinische Studien belegen schon seit langem: Schichtarbeit macht unter Umständen krank. Das Risiko für Herz-Kreislauf- und Magenbeschwerden, für Depressionen und Übergewicht ist höher, wenn der regelmäßige und tiefe Schlaf zu kurz kommt. Auch das Unfallrisiko und die Fehlerquote im Job steigen. Eine aktuelle Untersuchung der Techniker-Krankenkasse zeigt, dass 40 Prozent der „Flexbeschäftigten“ über schlechte Schlafqualität klagen, die Hälfte schläft höchstens fünf Stunden.

Schon heute erlaubt das deutsche Arbeitsrecht, dass Beschäftigte in diesem nicht unbedingt gesunden Ausmaß belastet werden. Der Wirtschaft aber reicht dies nicht. Statt der täglichen Höchstarbeitszeit von acht Stunden soll eine wöchentliche Maximaldauer von 48 Stunden erreicht werden. Beschäftigte sollen notfalls auch ohne gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeiten durcharbeiten können. Union und FDP scheinen gewillt, diese Forderungen in den laufenden Jamaika-Sondierungen auch durchzusetzen.

Dabei sollten sich die Herrschaften eine Frage stellen: Mal angenommen, das deutsche Arbeitszeitgesetz würde Unternehmen tatsächlich über Gebühr einschränken — wie konnten diese dann in vielen Branchen zu Weltmarktführern werden? Die viel zitierte Flexibilität gibt es doch längst!

Hinzu kommt: Der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands beruht noch immer im Wesentlichen auf dem, was man früher auch bei der Union Soziale Marktwirtschaft nannte; auf einem Staat, der gesetzliche Rahmenbedingungen schafft, die Arbeitnehmern und Arbeitgebern gleichermaßen nutzen.

Denn Unternehmer müssen manchmal zu ihrem Glück gezwungen werden. Viele haben offenbar selbst in Zeiten von gravierendem Fachkräftemangel noch nicht verstanden, dass am Ende derjenige das Rennen macht, der die besten Mitarbeiter an sich bindet. Vor diesem Hintergrund nützen flexible Lebensarbeitszeiten im Sinne der IG Metall letztendlich auch den Arbeitgebern. Gesunde und motivierte Mitarbeiter leisten einfach mehr.

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