Kommentiert: Auf uns kommt es an!

Kommentiert: Auf uns kommt es an!

Wann haben Sie eigentlich ganz persönlich deutlich gemacht, dass Sie Europäer sind? Dass Sie in einem Europa der offenen Grenzen und freien Gedanken leben wollen?! Heute, morgen, in zehn Jahren!

Dass Sie jene nicht mehr ertragen können und wollen, die mit miesen Methoden und plumpen Botschaften Stimmung machen gegen ein liberales Europa, gegen eine freiheitliche Gesellschaft, gegen das Miteinander?!

Tausende Menschen in Aachen und der gesamten Bundesrepublik haben auf diese Fragen eine klare Antwort: Sie haben bei den Kundgebungen von „Pulse of Europe“ in den vergangenen Wochen bereits gezeigt, was ihnen an Europa liegt.

Sie haben damit eine der zentralen Botschaften des neuen Karlspreisträger Timothy Garton Ash quasi vorweggenommen: sich einzumischen, Stellung zu beziehen, sich nicht wegzuducken! Bei allen Krisenherden, die derzeit den Traum von Europa aufzuzehren drohen: Der Brite sieht es als ermutigendes Zeichen der vergangenen Monate, dass sich die Nach-89er-Generation so mobilisieren lässt. Eine Generation, die Europa längst für selbstverständlich hält. „Wir müssen dieser Generation irgendwie vermitteln, dass das, was sie heute als normal betrachten, historisch gesehen zutiefst abnormal ist — außergewöhnlich, außerordentlich“, sagt Garton Ash in seiner Rede.

Eindrucksvoll wie lange nicht

Eindrucksvoll wie lange kein Preisträger vor ihm analysiert der Historiker in Aachen die Lage des Kontinents, den er in einer existenziellen Krise sieht. Er, der Intellektuelle, darf, so sagt er selbst, aussprechen, was einem Politiker in dieser Form versagt bleibt: „Dass kein Imperium, kein Staatenbund, kein Bündnis und keine Gemeinschaft auf Erden ewig währte, und das wird auch im Falle der Europäischen Union nicht anders sein.“ Man könne nur darauf hinarbeiten, „dass unser beispielloses, freiwilliges, friedliches europäisches Imperium so lange wie menschenmöglich Bestand hat“. 72 Jahre ohne vernichtende Kriege: Für den Historiker Garton Ash ist das nur eine Epoche — wenn auch eine ungewöhnlich lange.

Es ist die bemerkenswerte Gabe dieses Karlspreisträgers, dass seine Zuhörer plötzlich absolute Klarheit wahrnehmen, wo das Klein-Klein des politischen Alltags sonst die großen Linien zu verschütten droht. Aus einzelnen Puzzleteilchen setzt Garton Ash ein Bild zusammen, das erschreckend und aufmunternd zugleich ist. Seine wichtigste Botschaft, sinniger Weise vorgetragen auf Deutsch: Nun kommt es auf die Deutschen an!

Was sind wir kleinmütig!

Was sind wir Deutsche doch kleinmütig im Umgang mit jenen, die nicht unsere strengen Maßstäbe erfüllen! Garton Ash schreibt den Deutschen und ihren Politikern einen weisen Satz ins Stammbuch: „Kluge Führung in Europa bedarf der ausgeprägten Fähigkeit, Europa auch immer mit den Augen der anderen Europäer zu sehen, sie braucht Einfühlungsvermögen. Sie braucht auch Gelassenheit, Zuversicht und Mut.“

Das kann, darf und muss man als Mahnung an jene verstehen, die heute meinen, sich wieder über die „faulen Griechen“ erheben zu müssen, über Franzosen, die angeblich nur an deutsches Geld wollen; es ist eine Mahnung an jene, die beim Blick in die Kassenbücher den Blick für das große Ganze, für Europa, zu verlieren drohen.

Namen nennt der höfliche und bescheidene Brite nicht. Angesprochen fühlen dürfen sich daher viele: ein deutscher Finanzminister ebenso wie deutsche Journalisten, die den neuen französischen Präsidenten schon wenige Tage nach seiner Wahl mit Häme überschütten und als Bittsteller und „teuren Freund“ karikieren.

Jetzt kommt es auf jeden von uns an. Die Botschaft dieses Karlspreises ist angekommen. Machen wir etwas daraus!