Kommentiert: Am Sonntag shoppen?

Kommentiert: Am Sonntag shoppen?

Im Neuen Testament heißt es: „Jesus ging in den Tempel, jagte alle Händler und Käufer hinaus, stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler um.“ (Mt. 21,12).

Seinen Zorn begründete er mit den Worten: „Macht meines Vaters Haus nicht zum Kaufhaus!“ (Joh. 2,16).

Die Geschichte der Tempelreinigung sollte sich Armin Laschet (noch) einmal zu Gemüte führen. Vielleicht begreift Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident dann, dass der rabiate Auftritt des Religionsstifters ein Protest gegen die zunehmende Kommerzialisierung eines Kultes und eines Kultortes war. Vielleicht würde diese Erkenntnis bei dem CDU-Politiker sogar zu einem Akt der Selbstreflexion führen. Denn Laschet, der für sich in Anspruch nimmt, christliche Werte hochhalten zu wollen, betreibt gerade eine ähnliche Kommerzialisierung.

Zusammen mit der FDP will er Geschäften in NRW erlauben, künftig an acht Sonntagen im Jahr zu öffnen. Damit wird der religiöse und kulturelle Wert des Ruhetages weiter ausgehebelt. Heftige Proteste der Kirchen und der Gewerkschaften sowie juristischer Bedenken von Verfassungsrechtlern haben an Laschets Liberalisierungsplänen bisher nichts ändern können. Ob das ein Bibelstudium schafft?

Nun hat der traditionelle Einzelhandel in der Tat oft schwer zu kämpfen. Immer mehr Kunden wandern zu Online-Anbietern ab. Dieser Trend ist allerdings mit einer Aufweichung des Sonntagschutzes nicht zu stoppen. Profitieren werden davon vielleicht einige große Handelsketten. Viele kleine Einzelhändler, vor allem aber zehntausende Arbeitnehmer werden hingegen darunter leiden.

Nein, um den örtlichen Einzelhandel zu unterstützen, ist etwas anderes nötig. Zunächst sind wir Verbraucher gefragt. Jeder, dem an lebendigen und vielfältigen (Innen)Städten gelegen ist, sollte sein Kaufverhalten überprüfen. Ist es wirklich notwendig, auf Online-Shops auszuweichen, nur weil das etwas bequemer ist? Zumal bekannt sein dürfte, dass Internet-Anbieter wie Amazon ihre Belegschaften zu erbärmlichen Konditionen schuften lassen! Wäre es nicht besser, dem Händler vor Ort treu zu bleiben, auch wenn er die gewünschte Ware manchmal etwas langsamer liefert und sie vielleicht ein wenig teurer ist?

Mangelnde Kaufkraft

Ja, viele Kunden müssen auf jeden Cent achten. Das aber ist die Folge einer jahrelang verfehlten Lohn- und Arbeitsmarktpolitik. Wenn 40 Prozent der Beschäftigten heute inflationsbereinigt weniger verdienen als Mitte der 90er Jahre, dann hat das auch Folgen für ihre Kaufkraft: Sie können sich weniger leisten als vor zwei Jahrzehnten. Wenn diese Verbraucher wieder deutlich mehr Geld in der Tasche hätten, käme das auch dem örtlichen Einzelhandel zu Gute. Mit einer stärkeren Nachfrage wäre den Geschäften sicherlich mehr geholfen, als mit einer Ausdehnung der Ladenöffnungszeiten.

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