Kommentiert: Der Fall des Martin Schulz ist ohne Beispiel

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Kommentiert: Der Fall des Martin Schulz ist ohne Beispiel

Ein Kommentar von Georg Müller-Sieczkarek

Ach, SPD! Wie oft hat man sich nach dem Wahldebakel vom 24. September gefragt: Liebe Leute, geht’s eigentlich noch schlimmer? Und ja, da war tatsächlich immer noch Luft nach unten. Das grauenhafte Theater, das die Genossen seit Mitte dieser Woche aufführen, bildet nun den (vorläufigen) Schlusspunkt, es ist beispiellos, bizarr, geradezu verstörend.

Da sagt ein eben erst wiedergewählter Martin Schulz: Die Groko kann kommen! Doch ich trete als Parteichef ab! Aber ich werde Außenminister! Um dann 48 Stunden später verkünden zu lassen: Nein, lieber doch nicht. Vom „Mister 100 Prozent“ zur Nullnummer in nicht einmal elf Monaten – wie um alles in der Welt kann so etwas sein?   Man könnte das spirituell deuten: Es sind halt Sozialdemokraten, irgendwie schlechtes Karma, nix zu machen.

Wahrscheinlicher ist die Erklärung, Martin Schulz und die SPD als Geschichte eines tragischen Missverständnisses, einer politischen „Amour fou“ zu lesen. Als der Berliner Parteitag den Mann aus Würselen ohne eine einzige Gegenstimme zum Vorsitzenden machte, da war das sicher auch der Vertrauensbeweis für einen redlichen, klugen, sympathischen, emsigen, vor allem im Ausland hochrespektierten Genossen. Vor allem aber war es Ausdruck einer tiefen Sehnsucht: endlich auszubrechen aus dieser elenden Groko-Juniorpartner-Tristesse, aufzubrechen in ein irgendwie besseres Morgen; eine Sehnsucht nach Beständigkeit nach der Ära des sprunghaften Sigmar Gabriel, nach SPD pur. So wurde aus „dem Martin“ über Nacht „Sankt Martin“, und der bildete fatalerweise die perfekte Projektionsfläche für Wünsche und Erwartungen aller Art, auch unrealistischer.

Ein Parteichef als Heilsbringer – das konnte nicht, das kann nie gutgehen.  Alles war vergebens  Schulz hat das früh gespürt, der Hype um die eigene Person war ihm wohl mehr als einmal unheimlich. Geholfen hat es nichts. Es folgte ein katastrophal schlecht gemanagter Wahlkampf, in dem sich der Spitzenkandidat hoffnungslos verkämpfte und verzweifelt nach dem einen, zündenden Thema suchte, um die schattenboxende Gegnerin im Kanzleramt zu stellen. Vergebens. Und an dessen Ende der Ex-Kandidat begann, sich Stück für Stück selbst zu demontieren – bis Freitag.   Keine Frage: Martin Schulz hat Fehler gemacht. Er hat geredet, wo Schweigen ratsam war. Er hat sich ohne Not in Widersprüche verstrickt, die eigene Glaubwürdigkeit untergraben. Er hat die Stimmung in großen Teilen der Partei unterschätzt – genauso unterschätzt wie seinen Vorgänger Gabriel.

Der Noch- und vielleicht auch Weiterhin-Außenminister wollte und konnte Schulz die kaltschnäuzige Art nicht verzeihen, mit der dieser nach seinem Amt gegriffen hatte. Wie der Egomane Gabriel dann im Gegenzug gegen Schulz losholzte, auch das war beispiellos, stillos war es in jedem Fall.  Wer hoch fliegt...  Am Ende kam Schulz einem offenen Putsch zuvor, der bezeichnenderweise in seinem eigenen NRW-Landesverband ausgeheckt wurde. Wer hoch fliegt, kann eben auch besonders tief fallen: Hätte es noch eines Beweises für diese banale Erkenntnis bedurft, der Fall des Martin Schulz würde ihn liefern. 

Aber auch das gehört zur Wahrheit an diesem denkwürdigen Freitag: Schulz hat seine SPD erstaunlich gut durch die quälenden Groko-Verhandlungen geführt, er hat hoch gepokert und für die Partei mehr gewonnen, als die meisten ihm zugetraut haben – und viele in der Union verschmerzen können. Das verdient Respekt. Ebenso wie der Verzicht auf ein Ministeramt, das Schulz mit ziemlicher Sicherheit sehr gut ausgefüllt hätte.  Und nun, alles wieder gut, SPD? Schön wär‘s. Nein, das werden noch mühsame, nervenaufreibende Wochen bis zum Mitgliederentscheid. Ob es Andrea Nahles gelingen wird, die Chaoswochen der SPD zu beenden, ist alles andere als ausgemacht. Andererseits: Schlimmer kann es nicht kommen – eigentlich…

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