Kommentar zu den Vorfällen in Halle: Klares Bekenntnis nötig

Kommentar zu den Vorfällen in Halle : Klares Bekenntnis nötig

Spekulieren wir jetzt nicht über den feigen, wohl rechtsextremistischen Täter von Halle. Reden wir über die gesellschaftliche Verrohung in Deutschland, über Antisemitismus und geistige Brandstiftung, die Taten wie diese erst möglich machen.

Denn zumindest eines steht zu diesem Zeitpunkt fest: Der Angriff galt der jüdischen Gemeinde und damit allen Juden in Deutschland. Eine Erkenntnis, die uns sieben Jahrzehnte nach den Gräueln der Nazizeit zutiefst beschämen muss.

Als der Jüdische Weltkongress 1948 zusammentrat, riet er allen Juden, sich „nie wieder auf dem blutgetränkten deutschen Boden anzusiedeln“. Viele taten es trotzdem – die Opfer und deren Nachkommen. Deutschland bekam eine zweite Chance, die gerade fahrlässig verspielt wird. Dabei tragen die einstigen Volksparteien den Satz „Wehret den Anfängen“ wie eine Monstranz vor sich her. Doch als der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung im Frühjahr konstatierte, dass er Juden nicht empfehlen könne, jederzeit überall in Deutschland eine Kippa zu tragen, herrschte nur allseits Empörung ob dieser Behauptung. Schlussfolgerungen wurden nicht gezogen. Es wird schlicht negiert, dass sich Antisemitismus wieder wie ein schleichendes Gift im Land ausbreitet.

Gerne werden die Täter unter den muslimischen Mitbürgern gesucht. Die einfachste Antwort – gehört der Judenhass doch in Teilen der islamische Welt zum politischen Selbstverständnis. Gleichzeitig lassen wir zu, dass eine Partei in Bundestag und Landtagen sitzt, die die Nazizeit verharmlost, Rassismus schürt und mit Antisemitismus Stimmung macht. Halle aber muss ein Wendepunkt sein, der entschiedenes Handeln und ein klares Bekenntnis fordert. Ansonsten haben wir unsere zweite Chance tatsächlich verspielt.

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