Kommentar zu Schülern und Klimaschutz: Keine Extreme, bitte!

Kommentar zu Schülern und Klimaschutz : Keine Extreme, bitte!

Wie halten Sie es eigentlich mit dem Klimaschutz? Essen Sie weniger Fleisch? Fahren Sie weniger Auto? Oder verzichten Sie auf Ihre geliebten Avocados, die bei allem Genuss eine furchtbar negative Umweltbilanz haben?

Fühlen Sie sich jetzt in die Ecke gedrängt? Genervt oder gemaßregelt? So ähnlich geht es gerade vielen Schülern. Und zwar den Schülern, die seit Wochen für das Klima auf die Straße gehen. Ein Teil von ihnen ist im Begriff, Abitur zu machen. Anspannung, dann Entspannung. Womöglich bei einer Rundreise oder einem ausgedehnten Urlaub. Sie müssen sich die Frage gefallen lassen, ob das überhaupt geht, jetzt, wo sie doch seit Wochen als Klimaschützer unterwegs sind.

Die einfache Antwort: Ja, es geht. Jede andere Antwort wäre heuchlerisch und auch ein bisschen gemein. Weil der Beigeschmack von insgeheimer Genugtuung derer Erwachsenen bleibt, die sowieso wenig von der „Fridays for Future“-Bewegung halten. Nach dem Motto: „Ach, guck an, so weit geht es dann mit der Klimaliebe doch nicht.“

Das Thema verfehlt

Dabei geht die Diskussion am Thema vorbei. Denn während die Frage, ob der Klimaschutz auch das Abitur überdauert, das Engagement der Schüler von oben herab betrachtet, sind sich diese Schüler der Thematik bewusst. Und zwar viel mehr als die, die Bewegung und den Einsatz nicht ernst nehmen. Sie wissen um die ganzen Faktoren, die für das Klima schädlich sind, mehr als viele Erwachsene, sie hinterfragen und politisieren sich.

Dürfen sich junge Leute deswegen Pyramiden nur noch auf Bildern angucken? In Nepal nur noch virtuell wandern gehen? Oder den Karneval in Rio maximal per Livestream verfolgen? Natürlich nicht. Es braucht eine gesamtgesellschaftliche Lösung, keinen Moral-Zeigefinger und keine extremen Lösungen á la „Nie wieder fliegen“. Denn das wird sowieso nicht funktionieren.

Es geht darum, abzuwägen und ein Bewusstsein dafür zu besitzen, dass ein langes Wochenende nach Mallorca mit dem Billigflieger einfach nicht sein muss. Es geht nicht darum, von einem Extrem ins nächste zu driften – Stichwort: die goldene Mitte. Es gibt nicht nur den Flug Köln-Mallorca für 19 Euro oder auf der anderen Seite Wandern und Zelten an Orten um die Ecke, die selbstverständlich ausschließlich klimaneutral mit dem Zug erreichbar sind.

Niemanden muss die „Flugscham“ befallen, wenn er eine lang geplante Reise antritt oder nach dem Abi für ein paar Monate Work-and-Travel ins Ausland reist. Ein wenig „Avocadoscham“ wäre da eher angebracht. Und dazu noch könnte man  bei der nächsten Reise von Köln nach Berlin einfach den ICE statt das Flugzeug nehmen.

Wenn es Schüler gibt, die nun ganz aufs Fliegen verzichten möchten, um konsequent nach ihrem Ideal zu streben, ist das schön und sehr bemerkenswert – aus Zwang und mit Vorwürfen sollte das aber mitnichten geschehen.

Womöglich packt auch diese Schüler früher oder später das Fernweh. Das macht ihren Protest und ihren Einsatz fürs Klima aber kein bisschen weniger wertvoll und ihr Bewusstsein, das sie sich geschaffen haben, nicht kleiner.

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