Kommentar zur Brandkatastrophe von Paris: Ins Herz getroffen

Kommentar zur Brandkatastrophe von Paris : Ins Herz getroffen

Frankreich ist ins Herz getroffen. Die Steine, die bei dem Brand in Notre-Dame in die Tiefe gestürzt sind, und das Holz, das verbrannt ist, bedeuten für Frankreich so viel mehr als nur den Verlust der reinen Materialien.

Die Kathedrale steht für die französische Geschichte und den Glauben. Das weltliche und das christliche Frankreich trauern – gemeinsam. Es wird sich zeigen, ob die Katastrophe die zerrissene Nation wieder einen kann.

Die Franzosen stehen seit Montagabend unter Schock. Notre-
Dame hatte bislang doch allen Stürmen standgehalten – selbst als sie gar keine Kirche war, sondern, nach der Revolution von 1789, als Weindepot herhalten musste. Und plötzlich müssen die Franzosen hilflos zusehen, wie ihre Kirche in Flammen steht – trotz aller technischer Möglichkeiten.

Es ist diese Ohnmacht, dieses Verlorensein, das viele Franzosen seit langem umtreibt. Nicht zuletzt die Demonstrationen der „Gelbwesten“ sind Ausdruck der kollektiven Unsicherheit. Das Land steckt in der Dauerkrise, nicht erst seit den Terroranschlägen der vergangenen Jahre. Und auch wenn die Franzosen nach dem verheerenden Anschlag auf das „Bataclan“ kurzzeitig zusammengerückt sind, ist das Land heute gespalten wie lange nicht.

Das Symbol der Einheit

Dass nun auch noch Notre-Dame brennt, passt ins Bild. Denn die Kirche gilt als Symbol der Einheit des Volkes. Der große Roman­cier Victor Hugo hatte seinen Landsleuten die Kathedrale 1831 mit dem gleichnamigen Roman überhaupt erst wieder ins Gedächtnis gerufen. Ihm verdankt die Kirche ihre heutige Bedeutung. In
„Notre Dame de Paris“ treten Menschen aus allen Milieus auf; sogar Quasimodo, ein buckligere Glöckner, gehört dazu und wird integriert. In dieser Zeit wird die romantische Idee der nationalen Einheit, des Volkes, geboren, die in Frankreich besonders ausgeprägt ist.

Frankreich, das ist Paris. Und Paris, das ist Notre-Dame. Hier heiraten Könige, hier krönt sich Napoleon Bonaparte selbst zum Kaiser, hier ist der „Tempel der Vernunft“, als die Revolutionäre die Kirche entweihten. In der Kirche stehen Figuren von König Ludwig dem XIV., von Jeanne d’Arc. Jedes Schulkind in Frankreich lernt all das. Notre-Dame ist ein steinernes, stummes und wunderschönes Geschichtsbuch, das zu jedem Franzosen spricht. Aber auch auf einer viel profaneren Ebene hat die Kathedrale Bedeutung: Notre-Dame war vor einigen Jahren ein eigenes Musical gewidmet, das äußerst erfolgreich war – und das ebenfalls jeder Franzose kennt.

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat Notre-Dame völlig richtigerweise das „Epizentrum“ des Landes genannt. Wenn das Epizentrum eines Landes bebt, dann sind die Schockwellen auch noch in der tiefen Provinz zu spüren. In seinem Roman hatte Victor Hugo spekuliert, die Kathedrale werde sich sicher bald selbst auslöschen. Doch das wird nicht geschehen. Die Franzosen, das belegt die  Geschichte, richten sich immer wieder auf. Und das ist auch am Tag nach der Brandkatastrophe nicht anders. Hunderte Millionen Euro werden gespendet, ein weltweiter Aufruf an Künstler, Restauratoren und Architekten ist gestartet. Notre-Dame, die schwer Getroffene, ist bereit, wieder aufzuerstehen – auch wenn diese monumentale Schönheit für viele Jahrzehnte eine Baustelle sein wird, auch wenn sie am Ende nicht mehr dieselbe sein wird.

Es ist auch eine Chance

Wie schön wäre es, wenn auch das französische Volk wieder auferstehen würde! Das Land streitet über soziale Gerechtigkeit; viele geben ihre Stimme Rechtsextremen und sehen die EU skeptisch. Das Land leidet unter einer hohen Arbeitslosigkeit und einer schwachen Konjunktur. Doch etwas ist anders: In die Trauer über den Verlust mischt sich kein Hass, keine Feindseligkeit, weil der Brand ein Unglück ist. Das ist eine Chance. Vielleicht besinnt sich die Nation ja wieder ihrer Ursprünge: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

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