Inklusion an Schulen: NRW-Landesregierung in der Kritik

Gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Handicap : Klare Vorgaben müssen her

Ja, gab es denn zuvor überhaupt Fortschritte? Wenn jetzt in schöner Einigkeit Behindertenverbände, Bildungsgewerkschafter und Schülervertreter Rückschritte beim gemeinsamen Lernen von Kindern mit und ohne Handicap beklagen, sollte es ja zuvor eigentlich vorangegangen sein.

Ist es aber nicht, seitdem am 26. März 2009 die bereits am 3. Mai 2008 beschlossene Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN) auch in Deutschland in Kraft getreten ist. Auch die Bundesregierung hat sich damals unter anderem dazu verpflichtet, „Menschen mit Behinderungen ihre volle Einbeziehung in die Gemeinschaft und Teilhabe an der Gemeinschaft zu erleichtern“.

Ein recht verständlicher Satz, der allerdings einiges voraussetzt:  den Willen der handelnden Personen, das Bereitstellen finanzieller Mittel und klare Vorgaben. Gut zehn Jahre später bleibt festzustellen: Noch immer darf sich nur eine Minderheit der knapp acht Millionen Menschen in Deutschland mit einem schweren Handicap mitten in der Gesellschaft zugehörig fühlen.

Heftiger Vorwurf – aber er trifft zu

Und ganz raus sind bald die Schüler in Nordrhein-Westfalen. Bislang funktionierte die Inklusion hervorragend – wenn sich Schulen, Eltern und Betroffene abseits der Politik des Themas angenommen haben. Gelebte Inklusion eben.

Nochmals: Neben dem Willen und den Finanzen sind klare Vorgaben eminent wichtig. Zu finden sind sie im Internet auf der Seite schulministerium.nrw.de – nicht. Hunderte Zeilen zum Thema „Eckpunkte zur Neuausrichtung der Inklusion in der Schule“ sind eine Anleitung zum Scheitern. Dass Bernd Kochanek, der Vorsitzende des Inklusionsfachverbandes „Gemeinsam Leben, Gemeinsam Lernen NRW“ Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) „eine bewusste Täuschung der Öffentlichkeit“ vorwirft, ist ein heftiger Vorwurf. Aber vollkommen zutreffend.

Die schwarz-gelbe Landesregierung stiehlt sich wie schon die rot-grüne Vorgängerin aus ihrer Verantwortung, in dem sie keine klaren Vorgaben macht. Es reicht nicht, von Qualität zu reden, aber nicht qualitativ wertig zu agieren. Nein, es stimmt hinten und vorne nicht. Weder finanzielle Mittel noch Lehrkräfte stehen ausreichend zur Verfügung, und es ist blanker Hohn, wenn es heißt, dass Inklusions-Schülerinnen und -Schüler an Gymnasien nur noch unterrichtet werden, wenn sie eine reelle Chance auf das Abitur haben. Das ist nicht inklusiv, das ist Ausgrenzung!

In NRW ist die Inklusion an Schulen wieder aufs Abstellgleis geschoben worden, der so schlichte wie verständliche Satz, dass  „Menschen mit Behinderungen ihre volle Einbeziehung in die Gemeinschaft und Teilhabe an der Gemeinschaft zu erleichtern“ sei, wird ignoriert. Oder, um es schulisch auszudrücken: Sechs, setzen!

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