Glosse zum Trainingscamp im Hambacher Forst: Im Hambi fürs Leben lernen

Glosse zum Trainingscamp im Hambacher Forst : Im Hambi fürs Leben lernen

Revolutionstechnisch hat Deutschland offenbar Fortschritte gemacht seit jenen Zeiten, als Lenin noch lästerte, die Deutschen würden vor der Erstürmung eines Bahnhofs erst noch eine Bahnsteigkarte kaufen.

Bei ihrem jetzt gestarteten „Skill­sharing-Camp“ bieten die Aktivisten im Hambacher Forst nicht nur Workshops zum Thema Schwarzfahren an („Blitzermelder für Fahrkartenkontrolletis“), auch Unterweisungen in Ladendiebstahl und Blockadtechniken finden sich im Fortbildungsangebot. Viel Freude hätte der Atheist Lenin sicher auch am „Karfreitags-Rave“, mit dem die Waldbesetzer gegen „institutionell aufgezwungene Frömmigkeit“ rebellieren wollen.

Weil aber der Protest fein ausgewogen sein soll, gibt es als Alternative zur revolutionären Tanzveranstaltung auch eine Andacht für Menschen, „denen die Bedeutung des Karfreitags wichtig ist“. Überhaupt vermittelt die Auflistung auf der Homepage „Hambi bleibt“ den Eindruck, der Wald sei ein Spiegelbild der Gesellschaft: Für Leute, denen „Klettern und Bullenstress ganz böse Verspannungen machen“, wird ein Massagekurs angeboten, es gibt einen Workshop zu Verhütungsmethoden „je nach Absprache für alle oder nur für menstruierende Menschen“ oder technische Tipps zum Raubkopieren.

Vorsicht ist allerdings geboten beim Kurs „Wie schlafe ich mich schnell in der linksradikal-aktivistischen Bewegung hoch?“ Der Titel sei etwas provokant, schreiben die Organisatoren, aber wenn dort stünde „gemeinsames Reflektieren über informelle Hierarchien in linksradikal-aktivistischen Projekten“, ginge das Publikum doch zu schnell darüber hinweg. Selbst der eigene demographische Wandel beschäftigt die Waldbeschützer.

Im Workshop „Gibt es ein Leben nach dem Aktivismus?“ will man sich „abseits von Szenetabus“ darüber austauschen, wie schwer das werden könnte. Selbst weniger hambitionierte Zeitgenossen kommen bei dieser Bildungsoffensive nicht an der Erkenntnis vorbei, dass der Wald bleiben muss – zumindest als außerschulischer Lernort.

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