Kommentar zum D-Day-Gedenken: Hoffentlich ein Denkanstoß

Kommentar zum D-Day-Gedenken : Hoffentlich ein Denkanstoß

Es war eine ungewöhnliche, aber höchst beeindruckende Gedenkfeier am Mittwoch in Portsmouth. Weil sie ganz konsequent die Veteranen des D-Day in den Mittelpunkt stellte. Jene Männer und Frauen, die eine überragende militärische und logistische Leistung erbracht haben, um eine zweite Front auf dem europäischen Festland aufzumachen und den Kontinent von der Nazi-Barbarei zu befreien. Und die dafür mit einem hohen Blutzoll bezahlten.

Der Tag der alliierten Landung in der Normandie ist eine große Heldensaga, aber er hat Dimensionen, die weit über das Militärische hinausgehen. Viele Nationen bündelten damals ihre Kräfte, um einer Bedrohung der Welt zu begegnen. Und zwar auf Augenhöhe. Das wirkt bis heute in den Vereinten Nationen und ihren Friedenseinsätzen nach. Für „Operation Overlord“ arbeiteten die USA und Kanada, England und Frankreich über den Atlantik hinweg militärisch zusammen – das war die Keimzelle der Nato. Und später wurden der Sieg über Nazi-Deutschland, die Restaurierung der Demokratie und der Marshallplan zur Gründungsurkunde eines vereinten Europa. Auch das war gemeinsame Politik. Der D-Day ist eines der erfolgreichsten Beispiele für militärischen und politischen Multilateralismus. Und der hielt unter den demokratischen Staaten auch in der Zeit des Kalten Krieges mit der Sowjetunion.

75 Jahre danach scheint das vergessen zu sein, und zwar am meisten ausgerechnet bei Amerikanern und Briten. In beiden Ländern regieren heute Politiker, die glauben, mit Nationalismus für sich Mehrheiten sichern zu können und zu müssen. Mindestens zwei von ihnen, Donald Trump und Theresa May, saßen auf der Tribüne von Portsmouth. Weitere lauern in vielen Ländern Europas ebenfalls auf ihre Chance. Auch in Deutschland.

Mit „America First“ oder „Brexit now“ wäre der Sturm auf den Atlantikwall nicht gelungen. Mit dieser Haltung würden die Nazis womöglich noch heute Europa terrorisieren. Wenn Donald Trump versucht, Europa wieder zu spalten, wenn er Handelskriege anzettelt und sich einmischt in die britische Innenpolitik, dann ist das im Grunde eine Verhöhnung des Schicksals der damals an den Stränden gefallenen Soldaten. Und der noch lebenden Veteranen. Ähnliches gilt für Mays Europapolitik. Die jungen Männer sind damals nicht in die Schlacht gezogen, um die Vorlage für Heldenfilme aus Hollywood zu schaffen. Und auch nicht für schöne Gedenkfeiern. Sie wollten helfen, eine bessere Welt zu schaffen, in der Freiheit und Frieden herrschen.

Vielleicht haben die Bilder und die Tränen, die in der Show von Portsmouth zu sehen waren, wenigstens ein bisschen Nachdenklichkeit bei jenen erzeugt, deren Geschichtsbewusstsein offenbar nicht ausreicht, um eine Zeitspanne von 75 Jahren zu überblicken. Allzu viel Hoffnung darauf gibt es freilich nicht.

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