Kommentar zur Youtube-Umfrage: Hausaufgaben – für die Politik

Kommentar zur Youtube-Umfrage : Hausaufgaben – für die Politik

Die Hälfte der deutschen Schüler lernt mit Hilfe von Youtube-Videos. Eine halbe Million Menschen abonniert den Youtuber Daniel Jung, der in fünfminütigen Videos vor einer weißen Tafel etwa die 1. binomische Formel erklärt.

Das Video, in dem Mathematiker Christian Pannagel vor einer Tafel mit der Kreide in der Hand erklärt, wie man Brüche kürzt, haben ebenfalls 250.000 Menschen gesehen. Und das sind nur zwei Beispiele von vielen erfolgreichen Erklär-Videos. Mit diesem modernen Medium kehrt sozusagen der im Klassenzimmer verpönte Frontal-Unterricht zurück zu den Kindern und Jugendlichen von heute. Aber warum?

Die gute Nachricht ist, dass sich junge Menschen im Netz (auch) bilden. Und außerdem, dass diese Videos anders als kostspielige Nachhilfestunden jedem frei zugänglich sind. Die schlechte Nachricht ist, dass laut aktueller Umfrage ein Drittel der Jugendlichen findet, dass die eigenen Lehrer schlechter erklären als die Experten in den Youtube-Videos.

Natürlich kann man sich solche Videos jederzeit anschauen, vielleicht nachmittags, wenn man fitter ist als um acht Uhr morgens. Man kann sie beliebig oft ansehen, stoppen und hat keine 30 unruhigen Mitschüler neben sich. Die Bedingungen sind also nicht vergleichbar. Trotzdem müssen sich Lehrer doch fragen, warum Kinder sich Videos, die auf den ersten Blick ans Telekolleg erinnern, bereitwillig anschauen. Vielleicht hat der Experte im Video einfach eine Ansprache oder eine Art, sich und sein Thema zu präsentieren, die selbst binomische Formeln – zumindest bis zur nächsten Klassenarbeit – interessant wirken lässt.

Es ist nicht leicht, vor einer Klasse zu stehen. Referendare verbiegen sich, laminieren Puzzle, basteln für Gruppenarbeiten oder Stationenlernen. Sie sollten aber viel mehr und viel früher lernen, wie sie sich vor einer Klasse behaupten können. Es ist deshalb falsch, dass der Lehrerpersönlichkeit in der Ausbildung in der Regel keine Rolle beigemessen wird. Auch der Einsatz digitaler Medien kommt zu kurz. Dabei ist beides besonders für angehende Lehrer wichtig. Bei der Ausarbeitung neuer Ausbildungsstandards sollte das Berücksichtigung finden.

Das NRW-Schulministerium motiviert Lehrer richtigerweise dazu, Erklärvideos in den Unterricht einzubinden und Schülern den kritischen Umgang mit Youtubern nahezubringen. Viele Lehrer fragen sich allerdings, womit sie das ihren Schülern erklären sollen. Die Ausstattung in NRW ist sehr unterschiedlich, im bundesweiten Vergleich aber unterdurchschnittlich. Es gibt Schulen mit IPad-Klassen, aber das sind einzelne Vorzeige-Modelle, nicht die Regel. Lehrer haben nur an jeder zehnten Schule einen Dienstrechner zur Verfügung. Diese Mängel sollen mit dem Geld aus dem Digitalpakt Schule behoben werden. Aber selbst das NRW-Schulministerium hat schon gemahnt, dass die Milliarde Euro für die 5700 Schulen nicht reichen wird. Wann das Geld wirklich in den Schulen ankommt, ist zudem völlig unklar.  Die Politik hat viele Hausaufgaben zu machen. Vielleicht hilft da ja auch ein Erklärvideo.

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