Kommentar zur Kohlekommission: Harter Stopp aus freiem Fall

Kommentar zur Kohlekommission : Harter Stopp aus freiem Fall

Sollten die fünf Erkelenzer Dörfer, die mitten in der Umsiedlung stecken, doch noch erhalten bleiben, würde das einen harten Aufprall auf den Boden der Tatsachen nach sich ziehen.

Aus sozialer Sicht wäre das so, als würde sich der klemmende Fallschirm doch noch öffnen. Allerdings erst dann, wenn er den Fallschirmspringer nicht mehr retten kann. Die Dorfgemeinschaften sind schon jetzt gespalten, manche sagen sogar, sie seien zerstört. Sollte die Umsiedlung nun gestoppt werden, würden die über viele Jahrzehnte gewachsenen Gemeinschaften noch weiter auseinandergerissen.

52 Prozent der Einwohner von Kuckum, Keyenberg, Unter- und Oberwestrich sowie Berverath haben sich bereits mit RWE über den Verkauf ihrer Häuser geeinigt. Im neuen Ort sind bereits 100 Häuser im Bau oder fertig. Viele haben ihre Unterschrift unter den Vertrag mit RWE sicher schweren Herzens gesetzt. Dieses Stück Heimat abzutreten, ist hart. Wenn man dazu gezwungen wird, ist es eine Tragödie. Aus den vielen persönlichen Leidensgeschichten wird ein gesellschaftliches Drama.

Entscheidung kommt zu spät

Eine Entscheidung, die von der Zerstörung bedrohten Dörfer zu retten, wäre zwar aus klimapolitischer Sicht sinnvoll, weil die Kohle unter den Dörfern in der Erde bleibt. Aber sie käme für den Großteil der Menschen, die dort leben, viel zu spät.

Wie gespalten die Dörfer sind, zeigte sich zuletzt bei von Kohlegegnern organisierten „Dorfspaziergängen“ durch Keyenberg und Kuckum. Es gibt die Menschen, die um alles in der Welt bleiben wollen. Sie sind optimistisch genug, zu glauben, dass sich für die leerstehenden Häuser schnell wieder Käufer finden. Sie denken, dass der harte Kampf gegen RWE sie enger zusammenschweißt.

Es gibt auf der anderen Seite auch die Umsiedler, die so schnell wie möglich weg wollen. Sie wollen den Neustart. Sie möchten helfen, dass am neuen Ort wieder eine lebendige Gemeinschaft entsteht.

Noch keine fertigen Antworten

Für all die großen und kleinen Fragen, die daraus resultieren, dass die Erkelenzer Orte bei einem möglichen Umsiedlungsstopp mitten in diesem Prozess stecken, gibt es noch keine fertigen Antworten. So etwas hat es noch nie gegeben. Umsiedlungsprozesse wurden bislang immer durchgezogen. Deshalb weiß niemand, was in so einer Situation zu tun ist. Lösungen müssen erst noch gefunden werden.

Sollte die Kohlekommission tatsächlich vorschlagen, dass die Dörfer erhalten bleiben, wäre das für die Menschen am Erkelenzer Tagebaurand eine Sensation. Sollte die Politik einem solchen Vorschlag folgen, bedeutet das aber auch, dass sie alle Beteiligten in die Pflicht nehmen muss. Niemand darf sich aus der Verantwortung stehlen. Das gilt für Regierungen in Berlin und Düsseldorf genauso wie für den Tagebaubetreiber RWE, die Stadt Erkelenz. jeden Verein und jede kirchliche oder gesellschaftliche Gruppe, die vor Ort organisiert sind. Nur mit vereinten Kräften lässt sich der Aufprall auf den Boden der Tatsachen für die Menschen in den Erkelenzer Umsiedlerorten abfedern.

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