Greta Thunberg zwischen Kritik und Zustimmung

Kommentar zum Wirbel um Greta Thunberg : Eine wie Jeanne d’Arc

Medienwirksam segelt Greta Thunberg zum UN-Klimagipfel. Begleitet wird sie von übermäßigen Hoffnungen, maßloser Kritik und berechtigten Fragen.

Es gibt manchen Überdruss an dem anhaltenden Wirbel um Greta Thunberg, Widerwillen, der nachvollziehbar ist, auch wenn man ihn nicht teilt. Andererseits ergießen sich in den Sozialen Netzen Hass und Hetze über Greta Thunberg und deren Wegbegleiter; es ist oft so unerträglich und widerlich, dass man sich damit gar nicht auseinandersetzen kann.

Es gibt all die Begeisterung für diese 16-Jährige, die ein großes Ziel hat und es unbeirrt verfolgt, all die Hoffnungen, die auf ein Mädchen gerichtet sind, der fast schon die Gloriole einer Jeanne d’Arc zugeschrieben wird, ein Mädchen, das gegen Schläfrigkeit und Defätismus kämpft. Auch Jeanne d’Arc hielt sich nicht an Konventionen auf und trat den herrschenden Eliten mächtig auf die Füße. Ihrer Zeit gemäß benutzte sie das Schwert, Greta nutzt die Medien. Letzteres ist rücksichtsvoller und für alle Seiten angenehmer.

Greta Thunberg leidet nach eigener Aussage an dem Asperger-Syndrom, einer Form des Autismus, die mit Kontakt- und Kommunikationsstörungen verbunden ist. Sie sagt: „Ich denke, ich bin zu jung, um zu handeln. Es ist absurd, dass Kinder das hier tun müssen. Aber da niemand sonst etwas tut, habe ich das Gefühl, das hier tun zu müssen.“

Ihre Eltern werden kritisiert, weil sie ihre Tochter nicht stoppen und sie angeblich für eigene Zwecke instrumentalisieren. Vielleicht wollen sie ihr aber auch einfach nur helfen. Verständlicherweise tauchen Fragen auf, wer hinter ihr steht, sie womöglich lenkt, ob sie sich selbst steuert oder gesteuert wird. Es ist im Interesse des Mädchens nur zu hoffen, dass es auf diese Fragen gute Antworten gibt.


Der Lebensstil


Es wird für Greta Thunberg ohnehin schwer genug werden, sich all der Erwartungen und Projektionen, die auf sie gerichtet sind, zu erwehren. Es wäre in ihrem eigenen Interesse, wenn sich ihre Unterstützer und Kritiker, Begeisterte und Zweifler, Medien und Politik weniger auf diesen einen Menschen konzentrieren würden und mehr auf das Problem, um das es geht.

Trotz aller deutlichen Hinweise und Analysen der Wissenschaft haben in den entwickelten Staaten weltweit Industrie und Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, Konsumenten und Produzenten den Klimawandel über Jahrzehnte nicht ernstgenommen. Zunehmend viele junge Menschen nehmen das nicht mehr hin, sondern verlangen, dass die Politik das Problem endlich anpackt und wir unseren Lebensstil ändern.


Die Kompromisse


Schülerinnen und Schüler müssen keine politischen Konzepte oder wissenschaftlichen Analysen vorlegen. Dass sie jetzt – zum Teil wenig kompromissbereit – Forderungen stellen, ist schlicht und einfach ihr gutes Recht. Sie empfinden es als ihre Pflicht und werden früher oder später erkennen, dass in Demokratien Kompromisse nötig sind und Politiker, die Kompromisse umsetzen. Dass junge Leute von ihren Smartphones aufschauen und die Bäume in den Blick nehmen, sollten wir als großes Glück empfinden.

Mehr und mehr Menschen auch hierzulande erkennen, dass ihre Sorge um Wälder, Meere und Luft nicht vereinbar ist mit dem eigenen Lebensstil. Dass dieser Widerspruch als solcher erkannt wird und man sich unwohl fühlt, weil man es nicht schafft, ihn aufzulösen, dafür haben die Jugendlichen von Fridays for Future gesorgt. Wenn der Klimawandel erst einmal seine Wirbel entfaltet haben wird, werden wir uns nach dem Wirbel um Greta Thunberg noch zurücksehnen.

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