„Fridays for Future“ hat nichts mit Schulschwänzen zu tun

Kommentar zu „Fridays for Future“ : Von der Jugend lernen

Würde man schon Anfang April den Jahresrückblick für 2019 schreiben, dann stünde die Protestbewegung „Fridays for Future“ ganz weit oben auf der Liste. Seit Wochen dominiert sie die Schlagzeilen, und ein Ende ist nicht in Sicht. Was letztlich nur gut sein kann, denn das Thema Klimawandel eignet sich nicht als Eintagsfliege.

Es betrifft nicht nur Politiker und Entscheidungsträger, es betrifft uns alle, was zugegebenermaßen eine abgedroschene Phrase ist. Je länger das Thema Klimawandel aktuell bleibt, desto größer ist die Chance, dass es auch der Letzte begreift. Konsequent wäre es, wenn wir noch mehr um das Thema Klima kreisen würden. Nicht nur an Freitagen. Und nicht nur als Teenager.

Es gibt eine bemerkenswerte Zahl von jungen Menschen weltweit, die es offensichtlich begriffen hat und seit Wochen für den Kampf gegen den Klimawandel auf die Straße geht. Ihr Einsatz ist vorbildlich, er zeugt von Verantwortungsbewusstsein. Man muss diesen jungen Menschen Respekt zollen. Ihnen vorzuhalten, es gehe ihnen nicht um politisches Engagement, sondern ums Schulschwänzen, ist eine Frechheit. Anstatt froh zu sein, dass sich Jugendliche engagieren und Flagge zeigen, werden sie verdächtigt, es gar nicht ernst zu meinen mit ihren Überzeugungen. Nur damit das klar ist: Wir reden von denselben jungen Menschen, denen man ansonsten vorwirft, sie seien politisch uninteressiert und stünden für nichts. Wie grotesk!

Es mag ja sein, dass es Mitläufer gibt, die nur demonstrieren, weil sie wenig Lust auf Mathe oder Französisch haben. Geschenkt. Letztlich muss jeder Schüler für sein Fernbleiben im Unterricht die Konsequenzen tragen. Wenn das Thema so wichtig ist, dann wird es auch außerhalb der Schulzeit wichtig bleiben. Das muss sich erst zeigen. Aber ist es nicht zunächst mal eine Wohltat, zu sehen, dass es möglich ist, eine kraftvolle Bewegung zu initiieren gegen die allgemeine Lethargie?

Die demonstrierenden Jugendlichen halten tatenlosen Politikern und uns, die mehr oder weniger gescheite Kommentare schreiben oder wortreich argumentieren und urteilen, den Spiegel vor. Sie sagen uns, dass wir nichts unternommen haben, als es schon dringend erforderlich gewesen war. Sie sagen uns, dass wir zu bequem sind. Erste Hinweise über den Zustand der Erde gab es schon, als wir so alt waren wie sie heute. Gut möglich, dass sich der eine oder andere nur deshalb über die Schulschwänzer echauffiert, weil er vom eigenen Versagen ablenken will.

Wir sollten uns immer wieder die Videobotschaft des deutschen Astronauten Alexander Gerst vor Augen führen, die er kurz vor dem Ende seiner letzten Weltraummission aus dem All zur Erde sendete. Er müsse um Entschuldigung bitten für seine Generation, sagte er im Dezember 2018. „Im Moment sieht es so aus, als ob wir, meine Generation, euch den Planeten nicht gerade im besten Zustand hinterlassen werden.“ Die Menschheit sei dabei, das Klima zu kippen, Wälder zu roden, Meere zu verschmutzen und die limitierten Ressourcen viel zu schnell zu verbrauchen. Die Erde sei ein „zerbrechliches Raumschiff“, und er hoffe, dass „wir noch die Kurve kriegen“.

Die Jugendlichen, die freitags auf die Straße gehen, haben die Video-Botschaft verstanden. Wenn wir selbst schon nichts auf die Reihe kriegen, dann sollten wir wenigstens Beifall spenden und alles dafür tun, dass das Thema beim Jahresrückblick 2019 oben auf der Liste steht. Und in allen Jahren, die folgen.

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