Kommentar zum Internationalen Frauentag: Es klappt nur gemeinsam

Kommentar zum Internationalen Frauentag : Es klappt nur gemeinsam

Der Weltfrauentag ist kein Grund zu feiern, sondern dient nach wie vor als Mahnung. Er ist und bleibt notwendig, solange Frauen benachteiligt werden. Deutschland hat doch eine Kanzlerin; so schlimm könne es um die Frauen also nicht stehen, argumentieren jene, die den Weltfrauentag, Frauenpolitik und Feministen überflüssig finden oder gar lächerlich machen.

Doch Macht ist in der Vorstellung der meisten Menschen nach wie vor männlich – das hat auch die Ära Angela Merkel nicht geändert. Vielmehr ist es so, dass sich die Kanzlerin diesem Bild untergeordnet hat – vielleicht, weil sie es musste. Erst jetzt, da die CDU-Politikerin nicht mehr um ihren Machterhalt kämpfen muss, entdeckt sie die Frauenpolitik für sich. Jüngst forderte sie mehr Frauen in Politik und Wirtschaft und ein paritätisches Wahlrecht, das so dringend notwendig ist.

Frauenfeinde auf dem Vormarsch

Der Weltfrauentag bietet jährlich Anlass, Bilanz zu ziehen. Warum nicht den Kommentar des Vorjahres kopieren, weil sich so unfassbar wenig ändert? Natürlich hat sich die Situation der Frauen verbessert im Vergleich zu den 1950er Jahren. Aber die meisten Frauen heute sind schon mit den Errungenschaften der Frauenbewegung groß geworden.

Sie wollen richtigerweise nicht nur besser als ihre Mütter und Großmütter dastehen, sondern genauso gut wie ihre Väter und Brüder. Immer wieder werden dann „starke Frauen“ als Beispiel dafür genannt, dass die Gesellschaft bereits gerecht ist. Doch das ist erstens falsch, weil es suggeriert, dass Frauen eigentlich schwach sind. Und außerdem sind Frauen wie Angela Merkel eben nicht die Regel. Erst wenn Frauen die Hälfte von allem haben, ist das Ziel erreicht. Doch der Weg dahin ist lang – zumal Frauenfeinde wie US-Präsident Donald Trump oder hierzulande Politiker von AfD, CDU und FDP die antifeministische Debatte befeuern.

Wir leben in einem reichen Land, das es Frauen trotzdem alles andere als leicht macht. Nach wie vor landen Frauen besonders häufig in Altersarmut, nach wie vor werden vor allem Frauen Opfer häuslicher Gewalt, nach wie vor verdienen Frauen im Schnitt weniger als Männer, nach wie vor gereicht es für Frauen karrieretechnisch und damit finanziell zum Nachteil, wenn sie Kinder bekommen und lange Elternzeit nehmen müssen, weil das Betreuungssystem nicht optimal ist. Es ist erschreckend, dass hierzulande fast die Hälfte der Frauen davon ausgeht, im Alter finanziell von anderen Menschen abhängig zu sein.

Frauenpolitik ist für viele Politiker und Politikerinnen offenbar irrelevant, sonst würde sich schneller mehr ändern. Nicht einmal der hohe Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent auf Tampons und Binden wird abgeschafft, obwohl das Initiativen seit Jahren fordern. Es ist kein Luxus, Eierstöcke und eine Periode zu haben. Doch was will man von einer Bundesregierung erwarten, die Frauen seit Jahren systematisch bei der Vergabe von Spitzenposten in Ministerien benachteiligt?

Die Gefahr ist groß, dass jede Frau einzeln für sich kämpft. Es gibt das berühmte „Queen Bee“-Phänomen, also die Bienenkönigin, die niemanden neben sich akzeptiert. Tendenziell unterstützen sich Frauen zu wenig gegenseitig. Das sollten sie aber dringend. Denn ein Mann befördert nach wie vor lieber einen Mann in eine höhere Position als eine Frau. Und Frauen trauen sich tendenziell weniger zu als Männer. Das führt dazu, dass Frauen sich bei gleicher Qualifikation eher nicht auf eine Stelle bewerben, während Männer es einfach versuchen. Das lässt sich nur langsam ändern: mit weiblichen Netzwerken und weiblichen Vorbildern, die alte Rollenklischees schwinden lassen.

Wir alle sollten Feministen sein, ja auch die Männer. Doch vom viel gescholtenen alten weißen Mann ist vermutlich nicht viel Hilfe beim Kampf für Gleichberechtigung zu erwarten. Wie Fortschritt gelingen kann, hat die MeToo-Debatte gezeigt. Schauspielerinnen haben die Diskussion so laut werden lassen, weil sie alle Frauen mitgenommen hat. Nur so kann der Kampf gewonnen werden.

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