Enissa Amani und Boris Palmer: Die "Shitstorms" der Woche

Kommentar zu Rassismusvorwürfen : Wer zu oft „Haltet den Dieb!“ ruft, darf sich nicht wundern

Durchs Netz tobten in der zurückliegenden Woche zwei „Shitstorms“, die deutlich machen, was im Moment schief läuft in Sachen politischer Debatte. Besonders, wenn man sie im Zusammenhang betrachtet.

Bei Nummer eins geht es um die Komikerin Enissa Amani, die von der Presse nicht mehr Komikerin genannt werden will. Das sagte sie bei einer Preisverleihung, und drohte augenzwinkernd damit, bei Zuwiderhandlung nach Nicaragua auszuwandern. Die Spiegel-Autorin Anja Rützel ließ dieses Angebot natürlich nicht links liegen und nannte Amani in ihrer Award-Besprechung wiederholt Komikerin – ebenfalls augenzwinkernd. Weil Amani zufällig einen iranischen Migrationshintergrund hat, tobte daraufhin ihr Fan-Mob. Rützel habe Amani dazu aufgefordert, das Land zu verlassen, und das sei nur mit Rassismus zu erklären. Aber auch Amani steht im Sturm, weil sie den Artikel kritisiert hatte und ihr aus der rechten Ecke nun entgegenschallt: „Wenn Du die Pressefreiheit nicht achtest, dann verlass´ doch das Land!“ So weit, so spinnert.

Den zweiten „Shitstorm“ löste mal wieder der Tübinger OB Boris Palmer aus, der eine Werbekampagne der Deutschen Bahn kritisierte, weil dort „Menschen ohne erkennbaren Migrationshintergrund nur noch als Minderheit dargestellt“ würden. Das Problem von Palmers Kritik: der einzige von ihm als „Biodeutscher“ identifizierte Werbepartner ist Nico Rosberg, der halber Finne und in Monaco aufgewachsen ist. Dessen deutsche Identität man also ebenso infrage stellen könnte wie die des anderen DB-Partners Nelson Müller, der als Vierjähriger in eine schwäbische Familie kam. Es mag ja sein, dass Palmer eine differenzierte Debatte über Identitätspolitik anstoßen wollte, im Kern ist seine Äußerung aber von rassistischem Gedankengut geprägt, weil sie die Frage des Deutschseins zuvorderst an der Hautfarbe festmacht.

Zweimal also ein „Shitstorm“, zweimal Rassismusvorwürfe. Im ersten Fall abstrus, im zweiten Fall durchaus berechtigt. Im allgemeinen Netzgebrabbel geht diese Differenzierung aber unter. Zum einen, weil der Facebook-Stream nicht zur tieferen Analyse taugt, zum anderen, weil der Rassismusvorwurf inflationär gebraucht wird. Wer zu oft „Haltet den Dieb!“ ruft, darf sich nicht wundern, dass kaum mehr jemand adäquat reagiert.

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