Eine Kindergrundsicherung muss endlich eingeführt werden

Förderung von Kindern : Staatliche Leistungen bündeln

Vorurteile halten sich hartnäckig. Nun wird eines widerlegt, das nicht nur an Stammtischen seit Jahren immer wieder in Variationen aufploppt: Eltern würden höheres Kinder- oder Erziehungsgeld eher in Alkohol und Zigaretten investieren als in das Wohlergehen ihrer Kinder. Nein, sagt die Bertelsmann-Stiftung jetzt, das stimmt nicht!

In aller Regel nutzen Eltern Mehreinnahmen dafür, ihren Kindern die Teilnahme in einem Sportverein oder an Musikunterricht zu ermöglichen. Oder sie investieren das Geld, so es denn regelmäßig kommt, in eine größere Wohnung. Das Misstrauen gegen Eltern ist also unbegründet. Von Einzelfällen einmal abgesehen, bei denen man aber genau hinschauen und Hilfen anbieten muss.

Die Bertelsmann-Stiftung fordert auf der Basis ihrer Studie folgerichtig, die staatliche Förderung von Kindern auf ein reines Direktzahlungssystem umzustellen, in dem mehrere staatliche Leistungen gebündelt werden. „Teilhabegeld“ nennen die Wissenschaftler das. Individuell und aufwendig zu beantragende Sachleistungen sollen weitgehend entfallen. Das Bildungs- und Teilhabepaket etwa, das Kindern aus einkommensschwachen Familien beispielsweise die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen oder die Mitgliedschaft in einem Sportverein ermöglichen soll, wird nicht von allen Berechtigten genutzt, weil es viel zu kompliziert ist. Zudem verschlingt es viel Geld für Verwaltungsaufwand.

Die Idee ist richtig. Vorsicht ist aber dennoch geboten. Sollte die Bundesregierung die Studie zum Anlass nehmen, die Familienförderung neu zu regeln, muss man auf  Details achten. Bislang nämlich gehen solche Wohltaten allzu häufig genau an denen spurlos vorbei, die dringend der finanziellen Unterstützung bedürfen. Das Kindergeld etwa wird heute zu 100 Prozent als Einkommen bei Hartz IV angerechnet. Das Kind hat absolut nichts davon. Jede Erhöhung führt nur dazu, dass die Hartz IV-Leistung gekürzt wird.

Und Steuernachlässe für Kinder bringen auch nur denjenigen etwas, die so viel verdienen, dass sie Steuern in nennenswerter Höhe zahlen. Aber viele Kinder leben in einkommensschwachen Familien. Allein etwa 2,4 Millionen unter 18-Jährige sind auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen.

Abertausende weitere Kinder und Jugendliche sind von Armut bedroht beziehungsweise leben in versteckter Armut, weil ihre Eltern arbeitslos sind oder weil die Familien überschuldet sind – viele, weil sie arbeitslos sind. Steigende Mieten stürzen immer mehr Familien in finanzielle Not. Und solange Bildung von der Kita bis zur Uni nicht kostenlos ist, sind wir in Deutschland von Chancengerechtigkeit für jedes Kind weit entfernt.Das Bündnis Kindergrundsicherung, dem Sozial- und Jugendhilfeverbände sowie Wissenschaftler angehören, hat schon vor zehn (!) Jahren ein umfassendes Konzept zur Bekämpfung der Kinderarmut vorgelegt und seither seine Forderung nach einer Kindergrundsicherung immer wieder aktualisiert, nachzulesen auf der Internetseite www.kinderarmut-hat-folgen.de. Bislang leider erfolglos. Vielleicht nimmt die Diskussion mit der neuen Studie nun wieder Fahrt auf. Den Kindern und ihren Familien ist es zu wünschen.

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