Kommentar zur Impfpflicht: Ein notwendiger Schritt

Kommentar zur Impfpflicht : Ein notwendiger Schritt

Das muss man Jens Spahn lassen: Er geht keiner Konfrontation aus dem Wege. Und gerade im Gesundheitsbereich ist die Konfliktgefahr bekanntlich sehr breit gestreut.

Unvergessen die Bemerkung einer   Amtsvorgängerin: Als Gesundheitsminister habe man „immer die Torte im Gesicht“. So hat es einst Ulla Schmidt formuliert. Und genauso dürfte es jetzt auch Jens Spahn ergehen, weil er sich mit den Impfgegnern anlegt. Doch kann man den CDU-Politiker in seinem Standpunkt grundsätzlich nur bestärken.

An vielen Orten dieser Welt herrscht ein steter Mangel an (über)lebenswichtigen Impfstoffen. Nicht so in einem reichen Land wie Deutschland. Hier muss kein Kind an Masern sterben. In Deutschland herrscht allerdings ein Mangel an Einsicht, von diesem Privileg optimal Gebrauch zu machen. Mindestens 95 Prozent der Bevölkerung müssen ausreichend gegen Masern immunisiert sein, damit sich die gefährliche Krankheit nicht ausbreiten kann. „Herdenschutz“ nennen das die Experten. Doch schon dieser Begriff ist für manche Individualisten eine Zumutung.

Aufgebauschte Geschichten über Impf-Komplikationen bestärken sie in dem Glauben, dass das Risiko einer Impfung generell größer ist als die Gefahr, massive gesundheitliche Schäden zu erleiden, vor denen eine Impfung schützt. In Wahrheit wird umgekehrt ein Schuh daraus: Auf 16 Millionen Impfstoffdosen kommen gerade einmal sieben schwerste Komplikationen. Umgekehrt jedoch stirbt in den Industrie-Staaten einer von 1000 Masern-Infizierten. Die Krankheit kann zu schwerem Durchfall führen, zu Sehausfällen und zu Lungen- sowie Hirnhautentzündungen.

Erst kürzlich wurde über einen Fall berichtet, bei dem ein Elfjähriger im Wartezimmer eines Arztes zwei Säuglinge mit Masern angesteckt hatte, weil er nicht geimpft war. Gerade der Schutz derer, die sich noch nicht selbst immunisieren können, ist vom Schutz der anderen abhängig. Deshalb braucht es eine Impfpflicht, wie überhaupt die individuelle Freiheit Grenzen haben muss, wenn sie anfängt, anderen zu schaden.  

Wirklich lückenlos ist eine Impfpflicht allerdings nicht durchsetzbar. Auch das gehört zur Wahrheit.  Mit seinem  Gesetzentwurf konzentriert sich Spahn daher auf das Machbare. Ohne Impfung soll kein Kita-Besuch mehr möglich sein. Wer den schon ablehnt, bleibt davon freilich unberührt. Und  wer seinem schulpflichtigen Kind die Impfung gegen Masern vorenthält, muss zumindest mit empfindlichen Geldbußen rechnen. Auch das ist ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte. Aber wenn gutes Zureden nicht hilft, hat der Gesetzgeber keine andere Wahl.

Zu fragen bleibt allerdings, wa­rum Spahns Vorhaben ausschließlich auf  Masern zielt, wo es doch auch noch andere gefährliche Kinderkrankheiten – Beispiel Röteln – gibt. An dieser Stelle lässt sich die Vorlage noch erweitern. Schon weil die meisten Eltern ohnehin sehr verantwortungsvoll handeln, wenn es um ihren Impfschutz und den ihrer Kinder geht, wäre auch das zumutbar.     

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