Ein Masterplan für Elektromobilität

Kommentar zum Autogipfel : Der Aufbruch wird vertagt

Schon wieder ein Gipfel. Schon wieder ohne handfestes Ergebnis: So kennt man das von der Regierung Merkel. Die Bundeskanzlerin versucht zu vermitteln, will die Autoindustrie in die Pflicht nehmen – doch die Konzerne entziehen sich dem ein ums andere Mal.

Das ist unklug, denn Politik und Industrie haben durchaus gemeinsame Ziele: Will Deutschland die EU-Vorgaben zum Klimaschutz bis 2030 erfüllen, müssen endlich mehr Autos mit alternativen Antrieben auf die Straße – bis zu 10,5 Millionen E-Fahrzeuge wären dafür nötig. Sonst drohen Staat und Industrie empfindliche Strafzahlungen. Deshalb muss die Regierung endlich die nötigen Rahmenbedingungen setzen, um eine verkehrspolitische Wende einzuleiten.

Die Konzerne müssen zu ihrem Glück offenbar gezwungen werden. So waren heimische Ingenieure einmal führend bei der Entwicklung von Brennstoffzellen – mit Wasserstoff angetriebenen Autos. Inzwischen setzen vor allem koreanische und japanische Hersteller auf die Zukunftstechnologie, von der viele Experten sagen, dass sie der E-Mobilität in vielerlei Hinsicht überlegen ist. In den deutschen Chefetagen verweist man auf zu hohe Kosten bei der Produktion und beim Aufbau eines entsprechenden Tanknetzes. Warum denn so mutlos?

Käufer brauchen Pioniergeist

Auch mit dem E-Antrieb tun sich heimische Autobauer schwer. Dabei ist Elektromobilität zumindest als Brückentechnologie und für die innerstädtische Fortbewegung der Zukunft von großer Bedeutung. Käufer von E-Autos müssen in diesen Tagen allerdings schon eine Menge Pioniergeist mitbringen und sich mit vielen Einschränkungen abfinden. Es mangelt nach wie vor an preislich attraktiven Fahrzeugen und mehr noch an Ladeinfrastruktur. Solange man ein E-Fahrzeug nur zuhause laden kann, wird es nie aus der Nische herausfinden. Ein „Masterplan“ soll nun Abhilfe versprechen. Doch Pläne gab es schon viele. Es müssen ganz schnell konkrete Fortschritte her, sonst wird die Kundschaft kaum von einem Umstieg auf ein E-Fahrzeug zu überzeugen sein.  In diesem Punkt kann der Staat nicht nur auf die Industrie zeigen. Er muss selbst Geld in die Hand nehmen und den Ausbau massiv fördern. Konkrete Maßnahmen aber will die Bundesregierung erst im Herbst beschließen. Warum erst dann?

Auto der Zukunft: ein Kleinwagen?

Schließlich muss die Politik den Mut finden, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. So werden die Autos der Zukunft eher kleiner, leichter und leistungsschwächer sein. Denn ein 2,5 Tonnen schweres Geschoss mit 300 Pferdestärken ist auch mit Elektromotor klimapolitischer Frevel. Derartige Wuchtbrummen bescheren deutschen Hersteller derzeit noch die meisten Gewinne. Wollen BMW und Co. zukunftsfähig werden, müssen sie endlich andere „Cashcows“ – Goldesel – entwickeln. Es ist kein Zufall, dass das meistverkaufte Elektroauto in Deutschland derzeit von Renault aus Frankreich kommt.

Die deutsche Industrie muss indes noch andere Entwicklungen im Auge behalten: Trendforscher sagen voraus, dass die junge urbane Generation zunehmend das Interesse am eigenen Automobil verliert. Für deutsche Städte und für das Klima wäre das ein Segen.

Mehr von Aachener Nachrichten