Ehrenrat von 04 hofft darauf, dass Gras über die Sache wächst

Kommentar zu Tönnies : Bärendienst des Schalke-Chefs

Nicht wenige Stimmen springen Clemens Tönnies bei. Er habe doch nur die Wahrheit über Afrika gesagt. Dabei resultieren seine Aussagen aus dumpfsten rassistischen Stereotypen. Einfältig sind sie noch dazu. Die Entscheidung des Ehrenrats könnte dem Verein noch auf die Füße fallen.

Natürlich lässt sich über die Entscheidung des Ehrenrats von Schalke 04 trefflich streiten. Reicht eine vom Aufsichtsratschef selbst vorgeschlagene Ruhephase? Eine Art selbst verordnete Bewährung, nach dem Motto: „Bitte in dieser Zeit keine Ausfälle, Herr Tönnies!“? Man setzt auf Schalke wohl darauf, dass in dieser Zeit das sprichwörtliche Gras über die Sache wächst. Vermutlich hoffen die Funktionäre inständig auf den Vollzug des Sané-Transfers zu Bayern, damit Königsblau von den ersten Sportseiten verschwindet.

In der langen Sitzung ging es dem Ehrenrat wohl in erster Linie darum, den Rassismusvorwurf zu entkräften. Der sei unbegründet, heißt es lapidar, ohne das näher zu begründen. Einzig ein Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot sei Tönnies vorzuwerfen. Punkt. Ende der Debatte. So hoffen wohl die Verantwortlichen.

Diese Hoffnung wird auch dadurch befeuert, dass es nicht wenige Stimmen gibt, die Tönnies beispringen. Er habe lediglich die Wahrheit über die Bevölkerungsexplosion in Afrika gesagt, und ein Rassist sei er schon mal gar nicht.

Um zu verstehen, wie dumm, einfältig und – ja, rassistisch – Tönnies‘ „Wahrheit“ ist, hier eine kleine Analyse. Tönnies sagte, anstelle einer CO2-Steuer, solle man in Afrika lieber jährlich 20 Kraftwerke bauen, um den Klimawandel zu bremsen. „Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren."

Schauen wir kurz auf den ersten Teil der Argumentationskette: Der Bau von Kraftwerken in Afrika führt zu klimarelevant weniger Holzeinschlag. Hier scheint Tönnies weder wissen zu wollen, wie unterschiedlich die Gründe für die Vernichtung des Regenwalds nicht nur in Afrika sind (Viehzucht, Tierfutteranbau, Palmölproduktion, Edelhölzer, Erzgewinnung), noch welche Märkte damit bedient werden (zum Beispiel in Form von Soja für die von Tönnies geschlachteten Schweine). Verbuchen wir diese Einfältigkeit aber wohlwollend als Tönnies´ hilflosen Versuch, vom eigenen Anteil am Klimawandel abzulenken.

Rassistisch wird es im weiteren Verlauf seiner Argumentation: Der Afrikaner braucht Strom für das Licht, damit er keine Kinder produziert. Damit ließe sich also salopp-rassistisch formuliert auch das Problem der Überbevölkerung in Afrika lösen. Diese „Wahrheit“ knüpft unmittelbar an den gerne schnackselnden Afrikaner (Thurn und Taxis), den afrikanischen Ausbreitungstyp (Höcke) und somit an dumpfste rassistische Klischees an. Weil so das durchaus existente Problem der Überbevölkerung auf die triebhaften Afrikaner zurückgeführt wird, die im Prinzip gar nicht anders können als übereinander herzufallen. Da sind die Völkerschauen des 19. Jahrhunderts nicht weit. Man muss schon über ein gerüttelt Maß an Kolonialherren-Arroganz verfügen, um die wirklichen Ursachen für Überbevölkerung auszublenden: schwache Stellung der Frauen, niedriger Bildungsstand, mangelnde Verhütungsmethoden auch durch eine starke Rolle der Religionen sowie deutlich geringer ausgeprägte staatliche Fürsorge, die durch eine große Familie und viele Kinder ausgeglichen wird.

Der Vorwurf des Rassismus sollte nicht leichtfertig erhoben werden. Bei Tönnies‘ Argumentation kann man aber zu keinem anderen Schluss kommen. Er hat seinem Verein einen Bärendienst erwiesen. In Sachen Außenwirkung, aber auch den antirassistischen Faninitiativen des Vereins. Die Worte ihres Chefs und der darauf folgende Applaus dürften wie Hohn in den Ohren dieser Fans klingen. Dabei ist übrigens zweitrangig, ob Tönnies ein Rassist ist. Wer sollte das beurteilen? Man muss kein Rassist sein, um rassistische Stereotype zu reproduzieren. Oder zu beklatschen.

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