Doppelvergabe verhöhnt die Opfer

Kommentar zum Literaturnobelpreis : Peinliche Rolle rückwärts

Die Freunde des Literatur-Nobelpreises dürfen sich freuen: In diesem Jahr wird der Preis gleich zwei Mal verliehen. Damit werden sie für die herbe Enttäuschung der Nichtvergabe im Vorjahr entschädigt. Motto: aufgeschoben, nicht aufgehoben.

Auch jene, die Spaß haben an vollständigen Listen, werden die Nachricht, dass der ausgefallene Preis nun doch noch vergeben wird, mit Wohlwollen aufgenommen haben. Es hätte ziemlich blöd ausgesehen, wenn bei der Jahreszahl 2018 eine weitere schäbige Lücke geklafft hätte, wie es beispielsweise während des Zweiten Weltkrieges zwischen 1940 und 1943 der Fall war. Das Problem ist nun gelöst. Die Liste wird komplettiert. Alles gut.

Alles gut? Nichts ist gut.

Den Preis nachträglich zu vergeben, erweckt den Eindruck, als sei 2018 gar nichts passiert, als könne man in diesem Jahr einfach zur Tagesordnung übergehen. Man stelle sich bloß vor, im Jahr 2030 wird jemand einen Blick auf die Liste der Preisträger werfen: Nichts wird dann darauf hindeuten, dass es im Jahr 2018 ein ernsthaftes Problem gegeben hat. Man fragt sich, worin dann überhaupt der Sinn bestanden hat, den Preis 2018 ausfallen zu lassen?

Und was sollen die Frauen denken, die Jean-Claude Arnault sexuelle Belästigung und Übergriffe vorgeworfen hatten, was letztlich zur Verurteilung des ehemaligen Akademiemitglieds geführt und den Skandal um das Gremium erst ausgelöst hatte? Für sie sieht es so aus, als wolle man den Schandfleck nachträglich wegwischen, als wolle man ein hässliches Kapitel in einem Buch so schnell wie möglich schließen, um im Bild der Literatur zu bleiben. Nein, diese Entscheidung ist kein Ruhmesblatt; sie verhöhnt die Opfer und führt nicht dazu, neues Vertrauen in die Akademie zu fassen. Ein Neubeginn sieht anders aus.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Akademie, wenn es nun schon zwei Preise sein sollen, auch gute Preisträger findet. Hier darf sie sich gerne an 2017 orientieren, als mit dem Japaner Kazuo Ishiguro ein grandioser Schriftsteller und zum Glück kein weiterer Songschreiber ausgezeichnet wurde. Es ist nicht die vornehmliche Aufgabe des Nobelpreiskomitees, die Avantgarde zu bedienen, sondern herausragende Schriftstellerinnen und Schriftsteller auszeichnen. Es gibt sie noch. Reichlich. Julian Barnes. Joyce Carol Oates. Graham Swift. Thomas Pynchon. A.F.Th. van der Heijden. Michel Houellebecq. Paul Auster.

Ob man als Schriftsteller ausgerechnet den Literaturnobelpreis 2018 haben will, ist allerdings eine ganze andere Frage.

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