Die Sozialismus-Utopie des Juso-Chefs

Kommentar zu Kevin Kühnert : Spannende Vision

Ja, es gibt tatsächlich noch Sozialdemokraten, die den real existierenden Kapitalismus nicht für das Ende der Geschichte halten. Es gibt noch Sozialdemokraten, die es stört, dass sich Produktionsmittel und große Vermögen zunehmend in den Händen einer kleinen Schicht konzentrieren. Es gibt noch Sozialdemokraten, die über die Tagespolitik hinaus denken, die eine freiere, solidarischere und gerechtere Welt nicht nur für vorstellbar, sondern auch für machbar halten.

Zu ihnen gehört Kevin Kühnert. In einem Interview hat der Juso-Chef seine Utopie von einem demokratischen Sozialismus skizziert. Er entwickelt die Vision einer Gesellschaft, in der Konzerne den Arbeitnehmern gehören, genossenschaftliche Wohnformen dominieren und ständiges Profitstreben nicht mehr das Maß aller Dinge ist.

Natürlich darf darüber gestritten werden, ob Kühnerts Vorstellungen die Lebensumstände der meisten Menschen verbessern würden. Diskussionsverbote gehören ebenso wenig zu einer Demokratie wie Denkverbote. Aber für solch eine Debatte sollte schon ein Mindestmaß an Seriosität und Niveau gelten. Die Empörung, die Kühnert gerade entgegenschlägt, lässt beides vermissen. Gipfel der oft mit Schaum vor dem Mund vorgetragenen Diffamierungsversuche ist die Unterstellung, Kühnert rede einer Renaissance der DDR das Wort. Dabei grenzt er sich in dem Interview ausdrücklich von jeder autoritären Regierungs- und Wirtschaftsform ab.

Gerade unter jungen Menschen gibt es ein zunehmendes Unbehagen gegenüber unserer Leben- und Produktionsweise. Sie diskutieren über mögliche Alternativen. Kühnert hat dazu einen spannenden und durchaus nachdenkenswerten Beitrag geliefert. Es ist das Mindeste, was von einem Juso-Chef erwartet werden darf.

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