Kommentar zum Karlspreis: Die passende Ehrung?

Kommentar zum Karlspreis : Die passende Ehrung?

António Guterres ist gewiss ein sehr honoriger Mann. Sein langjähriger Einsatz für eine humane Flüchtlingspolitik ist unbestritten. Sein Appell bei der jüngsten Weltklimakonferenz, endlich die Erderwärmung energischer zu bekämpfen, hätte dramatischer kaum ausfallen können.

Auch die anderen großen globalen Probleme – das gewaltige wirtschaftliche Gefälle zwischen Reich und Arm, die zunehmende Intoleranz gegenüber Minderheiten, den wachsenden Rassismus – spricht der Generalsekretär der Vereinten Nationen immer wieder an. Manchen ist er dabei zu leise. Manche werfen ihm sogar vor, zu sehr vor den USA und deren Präsidenten Donald Trump zu kuschen. Trotzdem: Der portugiesische Sozialist versucht Brücken zu bauen, tritt als Botschafter des Friedens und der Völkerverständigung auf. Guterres ist deshalb auszeichnungswürdig. Bleibt nur die Frage: Muss es der Karlspreis sein? Ist das die passende Ehrung?

 Fehlendes Fanal

Besondere oder gar herausragende Verdienste für Europa hat sich Guterres nicht erworben. Gut, das Karlspreispreisdirektorium lobt ihn als Vordenker des „Lissabon-Prozesses“, wobei zumindest zu hinterfragen wäre, ob der „Lissabon-Vertrag“ nicht auch einige derzeitige Probleme der EU mit verursacht hat. Die eigentliche Begründung für die Wahl von Guterres ist jedoch eine andere. Dabei nutzt das Karlspreisdirektorium einen Trick. Das Gremium globalisiert kurzerhand den Karlspreis. Europa wird als Teil der Welt gesehen, mit gemeinsamen Problemen und gemeinsamen Herausforderungen. Seine Werte stehen modellhaft für einen universellen Wertekanon. In diesen Kontext wird Guterres verankert. Das ist sicherlich ein guter und spannender Ansatz. Nur: Mit der Ursprungsidee des Karlspreises hat er nichts mehr zu tun. Und: Als wertetreuer Musterschüler kann Europa momentan kaum auftreten. Auch hier greifen Nationalismus, Egoismus und Abschottung immer weiter um sich.

Die Auszeichnung von Guterres könnte deshalb auch als eine Ohrfeige für die derzeitigen europäischen Regierungspolitiker interpretiert werden. Allerdings nicht nur für die Orbans oder Straches. Nein, treffen müsste sie alle Politiker, die zwar stets von einem gemeinsamen Europa reden, aber im Konfliktfalle gerne nationale Interessen über gemeinschaftliche stellen und bei allen Problemen postwendend auf Brüssel verweisen. Treffen müsste sie alle, die es nicht schaffen, Europa so sozial zu gestalten, dass Menschen chauvinistischen und völkischen Verführern die kalte Schulter zeigen. Davon gibt es auch in Deutschland genügend, selbst auf der Regierungsbank. Aber ob diese Kritik vom Karlspreisdirektorium intendiert ist.

Dass sich ausgerechnet in einem Jahr mit einer Europawahl kein europapolitisch aktiver Karlspreisträger finden ließ, ist jedenfalls ein Armutszeugnis für Europa. Es wäre deshalb konsequenter gewesen, wenn das Karlspreisdirektorium ganz auf eine Auszeichnung verzichtet hätte, statt auf einen globalen Kandidaten zu setzen.

Doch für solch ein Fanal fehlte der Mut. Denn der Karlspreis gehorcht längst nicht mehr allein politischen Gesetzmäßigkeiten. Die Verleihung ist vor allem eine riesige Werbeveranstaltung – auch für die Stadt Aachen. Deshalb gilt für die Karlspreisträger vor allem eines: Sie müssen prominent sein, richtig prominent. Guterres passt in dieses Schema. Mit seiner Wahl ist garantiert: Am 30. Mai wird es in Aachen ein gewaltiges (Medien-)Spektakel geben.

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