Die Krise des FC Bayern und des deutschen Fußballs

Kommentar zum deutschen Fußball : Kein Herz, keine Leidenschaft

Nach dem Ausscheiden des FC Bayern München als letzter deutscher Vertreter in der Champions League stellt sich die Frage, ob sich der deutsche Fußball in einer Krise befindet. Sicher ist: Er ist einfach viel zu langsam.

Wer Jürgen Klopp nach dem 3:1-Sieg seines FC Liverpools gegen den FC Bayern München beobachtete, der wurde in der Annahme bestärkt, dass an diesem Champions-League-Abend eindeutig die Mannschaft mit dem größeren Herz gewonnen hatte. Glückstrahlend lief Klopp über den Platz, umarmte jeden seiner Spieler und jubelte ausgelassen mit den Fans. Da freute sich einer über alle Maßen. Klopp selbst ist das Herz dieser Mannschaft, und seine Spieler, die er oft „die Jungs“ nennt, zerreißen sich für ihn. Wenn ein Trainer das hinbekommt, dann hat er eine Menge erreicht. Der FC Liverpool hat wie jeder andere Topclub grandiose Einzelkönner, doch die Stärke des Teams ist, dass es als Kollektiv auftritt. Und die Mannschaft hat eine Idee, wie sie spielen will. Man soll es nicht glauben, doch im Fußball macht beides immer noch eine Menge aus.

Beim FC Bayern München war während und nach der Pleite vom Kollektiv nicht viel zu sehen. Seine auffälligste Szene hatte Stürmer Robert Lewandowski, der meistens am Boden lag und lamentierte, erst nach dem Schlusspfiff, als er gegen seinen eigenen Trainer schoss. Zu defensiv, zu harmlos, zu lasch seien die Bayern aufgetreten. Recht hat er ja, doch was, so fragt man sich, berechtigt nach diesem Auftritt ausgerechnet Lewandowski zu einer solchen Kritik? Es läuft nicht mehr rund beim FC Bayern München, dieser graue Champions-League-Abend lieferte den letzten Beweis. Kein Einsatz, keine Leidenschaft, kein Herz. Und – siehe oben – keine erkennbare Spielidee.

Wie immer ist der FC Bayern München ein Gradmesser für den deutschen Fußball. Und der hinkt aktuell international deutlich hinterher. Bei der WM zeitig ausgeschieden, in der Nations League abgestiegen, in der Champions League nicht eine deutsche Mannschaft im Viertelfinale: Das nennt man wohl eine ausgewachsene Krise. Diese Krise allein damit zu erklären, dass speziell die Vereine in der Premier League über ganz andere finanzielle Möglichkeiten verfügen, greift zu kurz. Ajax Amsterdam und der FC Porto, die nicht in dem Verdacht stehen, mehr Geld als der FC Bayern und Borussia Dortmund ausgeben zu können, liefern den Gegenbeweis. Auffällig ist, dass es den deutschen Teams an Schnelligkeit und Ideenreichtum im Spiel nach vorne fehlt. Selbst den Dortmundern, die genau das über weite Strecken der Saison ausmachte, ist beides abhanden gekommen. Der deutsche Fußball ist zu langsam. Und damit zu berechenbar.

Dass es im deutschen Nachwuchsbereich Defizite gibt, ist inzwischen bekannt. Bemängelt wird, dass die Talente zwar unzählige Spielsysteme beherrschen, es ihnen jedoch an Spielfreude und Spielwitz fehlt. Individuelle, extrovertierte Typen sind gefragt, die sich trotzdem in den Dienst einer Mannschaft stellen. Typen wie Leroy Sané, den, wir kennen die Geschichte, der Bundestrainer ausgerechnet vor der letzten WM ausgemustert hatte. Im Nachhinein ein verheerendes Signal. Nicht umsonst schaffte England bei der WM in Frankreich erstmals wieder seit 1990 den Sprung ins Halbfinale. Der englische Fußball sucht in Punkto Nachwuchsförderung derzeit seinesgleichen.

Wenn man selbst als FC Bayern München nicht in der Lage ist, finanziell mit den ganz großen der Branche mitzuhalten, dann muss man sich etwas anderes einfallen lassen. Hier könnte der FC Liverpool ein Vorbild sein. Das Sturmtrio Mané, Firmino und Salah wechselte zusammengerechnet für rund 120 Millionen Euro Ablöse zum FC Liverpool. Nimmt man Größen wie Messi, Neymar oder Ronaldo zum Vergleich, dann hat der FC Liverpool sein Sturmtrio zum Schnäppchenpreis an die Anfield Road geholt. Gefüttert werden die Stürmer der Reds von sehr guten Mittelfeldspielern – doch Übergrößen sind Wijnaldum, Milner und Henderson nicht. Da drängt sich der Eindruck auf, dass eine grundsätzliche Idee dahinter steckt.

Womit wir wieder beim Kollektiv und beim Herz sind. Und bei Jürgen Klopp. Vielleicht könnte der ja ein Teil der Idee sein, wenn der FC Bayern München endlich den Umbruch einleitet. Eine Mannschaft zu „basteln“ braucht mitunter ein wenig Zeit. Die muss sich selbst der FC Bayern nehmen. In der Zwischenzeit muss man sich dann mal mit Deutschen Meisterschaften und deutschen Pokaltitel begnügen.

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