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Kommentar zu Michael Jackson : Große Kunst, tiefe Abgründe

Michael Jackson war beides: Großer Künstler und nach allem, was wir wissen, Kindervergewaltiger. Das überein zu bringen ist schwierig, muss aber möglich sein.

Über die Qualität der Musik von Michael Jackson lässt sich kaum streiten. Die ist über alle Zweifel erhaben – mal abgesehen von Verirrungen am Ende seiner Karriere. Das gilt ebenso für die irre Schauspielkunst eines Klaus Kinski oder die Regiebrillanz eines Woody Allen. Das ist ja das Problem: Wären Sie nicht Meister ihres Faches, würden wir uns heute kaum die Frage stellen, wie wir mit der großen Kunst von Menschen umzugehen haben, die Furchtbares begangen haben.

Die Beantwortung dieser Frage eröffnet ein breites Spektrum. Das reicht von fanatischen Jackson-Fans, die jede Andeutung von Kindesmissbrauch als Sakrileg empfinden, bis hin zu Menschen, die das Werk des King of Pop am liebsten vollends aus der Musik-Geschichte tilgen würden. Beiden so konträren Positionen ist gemein, dass Sie Künstler und Kunst in eins setzen. Beides also nicht voneinander trennen. Das kann nicht der Maßstab für den gesellschaftlichen Umgang mit dieser Problematik werden.

Denn Jackson war eben beides: Großer Musiker und nach allem, was wir wissen, ein Kindervergewaltiger. Das ist schwer überein zu bringen, wir müssen es aber tun und ertragen. Das kann nur funktionieren, wenn wir eben doch einerseits die Kunst vom Künstler trennen. Die rein musikalische Qualität von „Bad“, „Beat It“ oder „Thriller“ nimmt durch die Verbrechen Jacksons nicht ab. Andererseits kann man diese Lieder natürlich nicht mehr hören, ohne sie in den Kontext von Jacksons Taten zu stellen. Sie sind gewissermaßen kontaminiert, was aber nicht bedeutet, dass man sie auslöschen sollte. Wie absurd dieser Gedanke ist, zeigt sich an den frühen Hits der Jackson 5. Als die entstanden, war Michael Jackson selbst noch ein Kind. Ein unschuldiges. Nach dem, was über das unbarmherzige Regiment des Vaters Joe Jackson bekannt ist, ein geschundenes Kind. Sind „ABC“ und „I Want You Back“ unschuldig, „Heal The World“ und „Black Or White“ aber nicht?

Es muss ein aufklärerischer Umgang mit den Werken dieser großen Künstler und ihrer verabscheuungswürdigen Taten her. Wer Jacksons Hits hört, dem muss immer bewusst sein, was für ein Mensch er war. Nur durch einen offenen Umgang mit seiner Kunst und seiner Biografie lässt sich vielleicht auch erklären, was ihn zu der grotesken und verbrecherischen Figur gemacht hat, die er am Ende war.

Deshalb ist es auch bizarr, dass verirrte Jackson-Fans ihn zum Heiligen stilisieren, nur weil er offenbar ein begnadeter Songwriter, Musiker und Entertainer war. Diese Menschen empfinden offenbar jedes Kratzen am Bild ihrer Ikone als persönliche Beleidigung. Eine derartige Identifikation ist nicht nur ungesund für Fans, sie führt im Falle Jackson zu noch etwas Schlimmeren: Die Menschen, die im Dokumentarfilm erstmals über die an ihnen vergangenen Verbrechen berichten, werden durch die Beschimpfungen von Jackson-Fans ein weiteres Mal zu Opfern. Das ist unverzeihlich.

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