Deutschland braucht eine neue Form des Erinnerns

Kommentar zum Holocaustgedenken : Eine ferner werdende Zeit

Mit seiner Aussage, wegen Auschwitz sei er in die Politik gegangen, steht Heiko Maas nicht allein. Viele in der mittleren und älteren Generation haben sich mit ihren Eltern über die Nazizeit und den Holocaust auseinandergesetzt. Und daran ihr Geschichts- und Demokratiebewusstsein geschärft. Deutschland hat eine Erinnerungskultur, auf das es stolz sein kann.

Auch weil die sich nicht im „Nie wieder“ erschöpft. Das ist die selbstverständliche Konsequenz aus dem Wissen über die einzigartigen Verbrechen, die im deutschen Namen begangen wurden. Es  gehört aber untrennbar auch das „Wehret den Anfängen“ dazu. Es geht um den Kampf gegen heutigen Rassismus, moderne Ausgrenzung, neue hasserfüllte Sprache. Auch die Judenverfolgung begann im Alltag.

Denkt an die nächste Generation!

Auschwitz wurde vor 74 Jahren befreit. Saul Friedländer, Überlebender des Holocaust, hat gestern bei der Gedenkstunde im Bundestag an die Jahre des Schreckens erinnert. Bald wird es niemanden mehr geben, der noch aus eigenem Erleiden berichten kann, was damals  geschah. Niemanden, der die Menschen anrührt. Nicht im Bundestag, nicht an den Schulen. Und mit jedem Jahr Abstand werden die Leugner lauter „Fake News“ brüllen. Schon jetzt greifen sie die Erinnerungskultur massiv an. AfD-Mann Björn Höcke spricht vom „Denkmal der Schande“ in Berlin. Alexander Gauland vom „Vogelschiss“ der Nazizeit. Denn das „Wehret den Anfängen“ ist die größte moralische Hürde gegen ihre Politik.

Die nächste  Generation braucht eine andere Art der Aufarbeitung. Eine, die auch ohne Zeugen bewegt. Projekte, bei denen man Gedenkstätten als Lernorte nutzt, um historische Erfahrung in soziales Verhalten umzumünzen. Heiko Maas hat das gefordert, und er hat Recht. Die Konzepte der Gedenkstätten müssen entsprechend verändert werden, aber auch der schulische Unterricht. Es wird höchste Zeit, dass eine Kommission, vielleicht der Kultusministerkonferenz, darüber nachdenkt. Zusammen mit der Bundesregierung. Es muss ein großer Wurf werden, so etwas wie eine nationale Bildungsanstrengung.

Ziel muss es sein, dass jeder Heranwachsende sich mindestens einmal in seiner Schullaufbahn intensiv mit dem Holocaust, seinen Hintergründen und seinen Konsequenzen auseinandersetzt und dabei auch eine Gedenkstätte besucht. Das erfordert viel pädagogische Kreativität und noch mehr Geld. Ein solches Vorhaben wäre die gleiche politische Anstrengung wert wie jetzt der Digitalpakt. Denn so einzigartig wie der Holocaust war, so einzigartig ist auch die Verpflichtung der Nachkommenden im Land der Täter, daraus zu lernen.

Die Bundesregierung hat in diesen Tagen ein Projekt „Jugend erinnert“ ins Leben gerufen. Es reicht gerade mal für 500 zusätzliche Klassenfahrten zu den Gedenkstätten in den nächsten zwei Jahren, das sind 10.000 Jugendliche. Es ist die Frage, ob die alle ihr Handy weglegen, wenn sie durch die Baracken stolpern.

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