Kommentar zum Datenklau: Der nächste Warnschuss

Kommentar zum Datenklau: Der nächste Warnschuss

Der jüngste Datendiebstahl hat gleich mehreres gezeigt. Dass Deutschland in puncto Cyberkriminalität noch immer einigermaßen schlecht aufgestellt ist zum Beispiel. Im Ernstfall greifen eher Chaos und Verwirrung statt souveräner Bewältigungsmechanismen. Und dass niemand vor Angriffen auf die eigene Privatsphäre gefeit ist. Manch einer mag anfälliger sein als andere – Stichwort sichere Passwörter und regelmäßige Systemupdates.  Angreifbar ist heutzutage aber jeder.

Diese Feststellung mag banal klingen, wird aber plötzlich viel brisanter, wenn man die Dimension betrachtet. Allein im vergangenen Jahr gab es Millionen von geklauten Nutzerdaten aus diversen Skandalen zu beklagen. Abgegriffene Facebook-Daten? Betretenes Schweigen überall. Gehackte Kreditkarten-Kontos oder E-Mail-Accounts? Passiert eben.

Nun, da Journalisten und Politiker, und darunter vielleicht auch ein paar der sonst schweigenden, selbst empfindlich getroffen sind, fallen die Reaktionen weitaus harscher und dramatischer aus. Ein Schelm, wem dabei der Ausdruck „mit zweierlei Maß messen“ durch den Kopf geht.

Denn der Hackerangriff ist nach aktuellem Stand vergleichsweise glimpflich ausgegangen. Es ist kein Bundestags-Server betroffen, es sind nach derzeitigem Stand keine wichtigen Regierungs-Dokumente abgegriffen worden. Es ist also weniger, wie seit Tagen immer wieder tituliert, ein Angriff auf die Demokratie, sondern vielmehr ein Angriff auf Privatpersonen und private Accounts – deren Besitzer zum Teil in der Politik tätig sind.

Natürlich ist das unerlaubte Abgreifen von Daten kein Kavaliersdelikt, sondern eine Straftat. Natürlich muss zwingend aufgeklärt werden, wer dahinter steckt. Aber das muss deutlich unaufgeregter und strukturierter passieren.

Im Moment scheint es nämlich so, als wolle man die Tatsache, dass man den ganzen Vorfall wochenlang verschwiegen hat, nun mit Aufregung und Empörung kompensieren. Denn immerhin war dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) der Datenklau laut eigener Aussage schon seit Anfang Dezember bekannt. Ab diesem Zeitpunkt nämlich wurden über einen Twitter-Account die abgegriffenen Daten veröffentlicht – mit zunächst mäßiger Resonanz. Es handelt sich dabei um Adressen, Telefonnummern, Urlaubsbilder, aber auch um private Chats.

Zwei Dinge müssen an dieser Stelle auseinander gehalten werden. Beim jetzigen Diebstahl sind ausschließlich private Profile angegriffen worden. Das BSI ist tatsächlich nur für den Schutz der Regierungsnetze zuständig, schreitet nun aber dennoch ein – wegen der Politiker, die betroffen sind. Und so hat sich der ganze Vorfall nun doch zu einem nationalen Thema hochgeschaukelt.

Das Problem sitzt viel tiefer

So oder so überdeckt die Diskussion nur ein viel größeres Problem: Deutschland macht digital nach wie vor eine schlechte Figur. Nun mal wieder beim Datenschutz und bei der Abwehr von digitalen Angriffen. Kompetenz und Fachwissen fehlen an vielen Ecken und Enden, das Gefahrenbewusstsein ist, vorsichtig ausgedrückt, unterentwickelt. Das führt dazu, dass das Thema Cyberkriminalität, vor allem der Schutz davor, ein Stiefkind ist – bei der Regierung und zum Teil auch in der Bevölkerung.

Dabei ist das Thema längst wichtig, und es wird in Zukunft wichtiger werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas wieder passiert, ist hoch. Wenn man sich ausmalt, wie Deutschland bei einem viel gravierenderen Fall von Cyberkriminalität im Augenblick da stünde –es kann einem angst und bange werden. Die Hoffnung bleibt, dass dieser Vorfall endlich eine wirkliche Veränderung bringt.

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