Kommentar zum Karlspreis: Der Konsens-Preisträger

Kommentar zum Karlspreis : Der Konsens-Preisträger

Der Karlspreis war nicht immer, aber doch immer wieder eine kontroverse Veranstaltung. So sehr sich die Stadt Aachen und das Karlspreisdirektorium darum bemühen, einen geeigneten Menschen zu finden, der für seinen Einsatz um die gute Sache Europa zu würdigen sei, so sehr hat mancher dieser Preisträger polarisiert.

Die Auszeichnung für Henry Kissinger 1987 führte aus Protest gar zur Gründung des Aachener Friedenspreises. Die strittigsten Karlspreis-Verleihungen waren allerdings meist nicht die schlechtesten, denn Auseinandersetzung und Debatte sind, wenn sie mit friedlichen Mitteln geführt werden, der Motor für Demokratie und letztlich auch für die Entwicklung von Gesellschaften.

Gemessen daran herrschte bei der diesjährigen Verleihung des Karlspreises deutlich weniger Dynamik; was durchaus am Preisträger lag, ihm aber kaum anzulasten ist. António Guterres ist ein Mann, den man sympathisch finden muss. Er ist charmant und bescheiden im Auftreten, zugewandt im Gespräch. Ein „Menschenfänger“ könnte man sagen.

Obendrein vertritt der UN-Generalsekretär Positionen, die man als aufgeklärter Europäer nur unterstützen kann: Er benennt mit dem Kampf gegen den Klimawandel und einer vernünftigen Gestaltung der fortschreitenden Digitalisierung nach den Spielregeln der Demokratie die großen Herausforderungen unserer Zeit. Er geißelt den restriktiven Umgang mit Flüchtlingen und Migranten als Schande für die europäische Idee. Er würdigt die Jugend und deren Engagement für einen lebenswerten Planeten und appelliert an die Verantwortung der Älteren, sich für Erhalt und Schutz der Erde einzusetzen. Er ruft auf zu Solidarität mit den Schwachen und Bedürftigen. Und er sagt: Die Weltgemeinschaft kann diese Probleme nur gemeinsam lösen.

Es fehlt eine klare Botschaft

All das können viele Menschen aus einem sehr breiten politischen Spektrum unterschreiben. Eigentlich alle außer den Nationalisten, Fremdenfeinden und Klimaskeptikern vom rechten Rand. António Guterres ist einer, auf den sich alle einigen können. Er ist ein Konsens-Preisträger.

In Zeiten wie diesen mit ihren drängenden Fragen geht so vom Karlspreis allerdings kein Signal des Aufbruchs aus. Guterres ist so sehr Konsens, dass der Karlspreis auffällig viel Unaufmerksamkeit erfahren hat. Im vorigen Jahr, als Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ausgezeichnet wurde, waren 200 Journalisten akkreditiert. In diesem Jahr waren es 60. Rund um den Markt und auf dem Katschhof waren die Zuschauerreihen sehr gelichtet. Es war still bis auf gelegentlichen freundlichen Applaus. Guterres bringt keine Kritiker auf die Straßen. Er mobilisiert aber auch keine Befürworter.

Das Hauptproblem: Es fehlt eine klare Botschaft. Und es fehlen Lösungen. Der von Guterres propagierte Multilateralismus ist keine Lösung. Er ist der Weg zu einer Lösung. Und der ist schon steinig, denn nicht zu Unrecht weist Guterres selbst auf die zu überwindenden Widerstände hin. Welchen Wert haben globale Klimaabkommen, wenn zentrale Akteure wie die USA einfach aussteigen? Und für welche Werte steht ein Europa, das jeden Tag aufs Neue hinnimmt, dass hunderte Menschen im Mittelmeer ertrinken oder in Flüchtlingslagern im Süden ein elendes Dasein fristen, weil sich die Gemeinschaft nicht auf einen gemeinsamen Umgang verständigen kann?

Berlin schickt niemanden

Das „sich nicht einigen können“ ist der Kern vieler Probleme – in Europa und weltweit. Die Welt ist polarisiert, die Fronten sind verhärtet. Eine Antwort auf diese Herausforderung wäre wichtig gewesen. Dem Appell „Wir müssen uns zusammenraufen“ kann man kaum widersprechen. Er elektrisiert bloß niemanden.

Bei aller Kritik: Dass kein Vertreter der Bundesregierung an der Preisverleihung teilgenommen hat, ist schon ein diplomatischer Affront. Der höchste Vertreter der Vereinten Nationen wird ausgezeichnet, Spaniens Staatsoberhaupt, König Felipe VI., hält die Laudatio, der Ministerpräsident von Portugal und der EU-Kommissionspräsident sind zugegen, und Berlin schickt noch nicht einmal einen Minister. Vielleicht schätzt man in der Bundesregierung den Karlspreis, dessen Trägerin im Übrigen auch Kanzlerin Angela Merkel ist, inzwischen nicht mehr so sehr. Der Anstand gegenüber hochrangigen Staatsgästen – Partnern – aus befreundeten Staaten und Institutionen hätte eine Anwesenheit aber zwingend erforderlich gemacht.

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