Kommentar zur Zeitumstellung: Der Jetlag des kleinen Mannes

Kommentar zur Zeitumstellung : Der Jetlag des kleinen Mannes

Zugegeben, es gibt Wichtigeres als die immerwährende Diskussion um das Für und Wider der Zeitumstellung. Manch einen juckt es kaum, für andere hingegen ist sie zweimal im Jahr der willkommene Anlass für tagelanges Gejammer.

Besonders sensible Zeitgenossen bangen aufgrund der Störung ihres Biorhythmus‘ sogar regelmäßig um Schlaf und Gesundheit. Die Zeitumstellung ist eben der Jetlag des kleinen Mannes.

„Haben wir wirklich erst 18 Uhr? Ich fühle mich noch immer wie 19 Uhr. Und wie dunkel es schon ist! Mann, Mann, Mann!“ Auf derart geistreiche Monologe werden wir in Zukunft wohl verzichten müssen, wenn sich EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker mit seinem Vorstoß für eine Abschaffung des nervigen Rituals durchsetzen sollte. Zu wünschen wäre es.

Weil nahezu jeder Bürger eine Meinung zur Zeitumstellung hat, war es richtig, in diesem Punkt die Befindlichkeit der Bevölkerung direkt zu erfragen. Das eingeholte Votum ist nicht bindend, aber immerhin eindeutig: 84 Prozent der Befragten stimmten für die Abschaffung der Zeitumstellung und für die ständige Beibehaltung der Sommerzeit. Sollte man das ignorieren, weil die Beteiligung zugegebener Maßen katastrophal niedrig war und obendrein die größte Teilnehmergruppe aus Deutschland kam?

Dies ist der Knackpunkt: Tatsächlich nahm nur knapp ein Prozent der EU-Bevölkerung an der Online-Umfrage teil. Das Verfahren war zudem alles andere als leicht verständlich umgesetzt. Vor allem ältere Teilnehmer klagten über komplizierte Fragestellungen und das technische Prozedere.

Dennoch: Das Ergebnis kann man nun nicht mehr einfach in der Schublade verschwinden lassen. Das Signal wäre schließlich fatal, würde es doch bedeuten: Eigentlich interessiert uns Eure Meinung doch nicht. Es ist deshalb gut, wenn Juncker auf eine schnelle Umsetzung drängt. Am Ende soll die Botschaft lauten: Europa ist eben doch nicht so weit weg vom Alltag der Menschen. Die Frage ist nur, ob das tatsächlich auch alle Mitgliedsstaaten so sehen; die sind nämlich letztendlich für die Umsetzung des Vorhabens zuständig.

Zudem ist noch die wichtigste Frage überhaupt zu klären: Welche Zeit hätten‘s denn gerne? Für immer Sommerzeit, wie es die Mehrheit der Befragten wünscht? Oder doch lieber bei der eigentlich in Mitteleuropa angestammten Winterzeit bleiben? Letzteres wäre nämlich eine ausgesprochen unangenehme Vorstellung. Die langen, lauen Sommerabende sind Lebensgefühl pur. Winterzeit im Juli, August oder September? Einfach unvorstellbar!

So oder so muss die EU aus diesem Verfahren ihre Schlüsse ziehen. Es ist zwar löblich, Bürger mehr in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen — auch durch Umfragen. Direkte Demokratie in Form von Volksentscheiden ist auf europäischer Ebene allerdings kaum realisierbar. Für den Anfang würde es schon reichen, das EU-Parlament bekäme tatsächlich die Rechte, die es bräuchte, um Kommission und Rat wirksam kontrollieren zu können.

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