Kommentar zum Fraktionsvorsitz der Linken: Der Grundkonflikt bleibt

Kommentar zum Fraktionsvorsitz der Linken : Der Grundkonflikt bleibt

Der Linken geht es nicht gut. Von der Schwäche der großen Koalition hat die Partei bisher kaum profitieren können. Verantwortlich dafür sind interne Konflikte. Die Spannungen werden auch nach Sahra Wagenknechts Rückzug vom Fraktionsvorsitz bleiben.

Medien machen politische Auseinandersetzungen gerne plakativ an Personen fest. Im Fall der Linken hieß das in den vergangenen Jahren: Wagenknecht gegen Katja Kipping und umgekehrt. Doch hinter dem vermeintlichen „Zickenkrieg“ steckte mehr. Es ging und geht bis heute um tiefgreifende strategische und programmatische Differenzen zwischen den Flügeln der Partei.

Parteichefin Kipping will die Linke zu einer emanzipatorischen und ökologisch ausgerichteten sozialistischen Kraft entwickeln. Als Klientel ihrer Partei hat sie vor allem junge, urbane und weltoffene Milieus im Auge. Kipping spekuliert dabei auf Wähler, denen die Grünen zu angepasst, zu bürgerlich geworden sind.

Wagenknecht hingegen konzentriert ihren politischen Fokus auf die soziale Frage. Ihr Credo lautet: Wenn sich die Linke nicht vornehmlich um die Interessen von klassischen Arbeitnehmern und wirtschaftlich schwachen Personengruppen kümmert, sich möglicherweise sogar von diesen kulturell  häufig konservativeren Kreisen entfernt, dann verliert sie ihre Daseinberechtigung.

Diese beiden sehr unterschiedlichen Perspektiven hat die Linke bisher nicht miteinander verbinden können. Im Gegenteil: Der Konflikt um den Kurs wurde in der Vergangenheit teilweise mit einer Härte ausgetragen, die Außenstehende nicht nur erschreckte, sondern auch abschreckte. Sie gipfelte in dem absurden Vorwurf, Wagenknecht beziehe in der Flüchtlingspolitik AfD-nahe Positionen, weil sie offene Grenzen für alle Migranten – immerhin einen Parteibeschluss – für blauäugig befand. Auch innerhalb der Linken galt oft die Steigerungsform Feind, Todfeind, Parteifreund.

Der chronische Streit schadet

Aber auch Wagenknecht machte es ihrer Partei nicht gerade leicht. Selbst Freunde, die ihr politisch nahestehen, beschreiben sie als weitgehend beratungsresistent. Als Fraktionschefin war die mediale Galionsfigur der Linken überfordert. Integrieren konnte sie nicht.

Möglicherweise gelingt das ihrer Nachfolgerin besser. Auch wenn Amira Mohamed Ali als Wagenknecht-Vertraute gilt: Die 39-Jährige  hat zumindest erkannt, dass der chronische Streit innerhalb der Linken die politische Arbeit der Partei häufig überdeckt. Vielleicht enden mit ihr die permanenten Grabenkriege. Vielleicht schafft sie es daneben sogar, eine annähernd große mediale Strahlkraft zu erlangen wie Wagenknecht. Immerhin gilt sie als gute und eloquente Rednerin. Aber selbst wenn ihr das gelingen sollte: Der Grundkonflikt über die Ausrichtung der Linken ist damit immer noch nicht gelöst.