Der gemeinsame Bundesausschuss hat über Pränataldiagnostik entschieden

Kommentar zu Bluttests als Kassenleistung : Das Problem ist nie die Medizin

Die Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses, dass der pränatale Bluttest auf Trisomien als Kassenleistung für werdende Mütter bezahlt wird, ist nicht nur richtig, sondern längst überfällig. Die Tests werden schon seit 2012 angeboten, und sie hätten gleich von den Krankenkassen bezahlt werden sollen.

Ob emotional oder hormonell: Eine Schwangerschaft ist für Frauen ein absoluter Ausnahmezustand. Ist mein Kind gesund? Wird es ein Junge oder ein Mädchen? Wird bei der Geburt alles gutgehen? Was passiert, wenn mein Kind krank ist? Wie werden wir unseren Alltag mit Familienleben und Arbeit gestalten? Eine werdende Mutter muss, manchmal alleine, manchmal mit ihrem Partner, teils sehr schwere Entscheidungen fällen. Entscheidungen, die ihr niemand abnehmen kann. Entscheidungen, die ihr auch niemand abnehmen sollte.

Gleichwohl kann man einer Frau bei der Entscheidungsfindung helfen, indem man ihr eine verbesserte, weil risikoärmere, medizinische Versorgung anbietet. Indem der Bluttest nun bei Risikoschwangerschaften und zur Abklärung von „Auffälligkeiten“ von der Krankenkasse bezahlt wird, wird verhindert, dass diese sicherere Methode der Untersuchung nur denjenigen Frauen zur Verfügung steht, die es sich leisten können. Immerhin kosten diese Tests bis zu 430 Euro.

Das alles soll jedoch keineswegs heißen, dass wegen der modernen Diagnostik automatisch alle Angst haben müssen vor den sogenannten Designerbabys. Und es ist schier unerträglich, das Wohl einer werdenden Mutter und die Frage nach Inklusion in unserer Gesellschaft als gegensätzliche Ziele darzustellen.

Wenn die Akzeptanz von Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft größer werden soll, dann erreichen wir dies nicht, indem wir versuchen, Fortschritt in Wissenschaft und Medizin aufzuhalten – was ohnehin ein sinnloses Unterfangen ist. Vielmehr sollten wir ehrliche Antworten auf die Frage geben, woran es liegt, dass manche werdende Mutter ein Kind nicht zur Welt bringen möchte, wenn es eine Behinderung haben könnte. Wie steht es denn um die finanzielle Entlastung von Familien, die sich um ein Kind mit Behinderung kümmern? Welche Planungssicherheit gibt es in der Frage, auf welche Schule man ein Kind mit Behinderung schicken sollte? Und wie ergeht es meinem Kind eines Tages, wenn ich selbst einmal alt und nicht mehr in der Lage bin, für es zu sorgen? Will ich mein Kind einer Gesellschaft aussetzen, in der sich nicht nur der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika über Menschen mit Behinderung lustig macht? Das Problem ist nie der Fortschritt in der Medizin. Das Problem ist immer der Mensch.

s.gombert@zeitungsverlag-aachen.de

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