Kommentar zu Einser-Abitur: Das falsche Kriterium

Kommentar zu Einser-Abitur : Das falsche Kriterium

Immer mehr Abiturienten beenden ihre Schullaufbahn mit einer Eins vor dem Komma. Die Lehrergewerkschaft GEW findet das gut. Es zeige den Ehrgeiz der jungen Menschen.

Der Deutsche Hochschulverband findet das schlecht. Es zeige, wie die Anforderungen verwässern. Dass sich beide Ansichten vertreten lassen, zeigt vor allem eins: Niemand weiß, was die Noten zu bedeuten haben.

Das wäre halb so schlimm, hätten wir kein föderales Bildungssystem. Der Anteil der Einser-Abiturienten ist in Thüringen mehr als doppelt so hoch wie in Schleswig-Holstein. Es ist unwahrscheinlich, dass die Thüringer Schüler auch mehr als doppelt so schlau sind. Da ist es naheliegend, das System zu vereinheitlichen. Gleiche Abiturprüfungen für alle. Gleiche Karrierechancen für alle.

Das mag helfen, es schafft aber auch Probleme. Nur weil alle die gleichen Abiturprüfungen schreiben, werden nicht alle gleich gut darauf vorbereitet. Die Qualität der Schulen und der Lehrer entscheidet dann, wie schwer es ist Bestnoten zu schreiben.

Eine wirkliche Lösung wäre es, dem Numerus clausus die Macht zu nehmen. Knapp die Hälfte der deutschen Studienplätze wird nach Abiturnote vergeben. Es ist schlicht nicht verständlich, warum nur Einser-Abiturienten Ärzte oder Anwälte werden können. Vor allem dann, wenn unklar ist, was ihre sehr guten Noten aussagen.

Es wird auch in Zukunft Studiengänge geben, in denen nicht jeder ein Platz bekommen kann. Weil die Nachfrage die Kapazitäten übersteigt. Aber dann, liebe Universitäten, gebt euch doch etwas mehr Mühe. Führt Vorstellungsgespräche. Findet heraus, wer wirklich für sein Wunschfach brennt. Schreibt meinetwegen Aufnahmetests. Aber vertraut nicht auf Abiturnoten. Sie sagen zu wenig aus.

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