Christian Lindner und die Schülerproteste

Kommentar zu Schülerprotesten für das Klima : Hut ab vor dem Engagement

Jahrelang die gleiche Jammerei: Die Jugend ist völlig unpolitisch, nur auf schnellen Konsum fixiert. Sie verdaddelt ihre Zeit gerne am Smartphone, vor allem mit der virtuellen Jagd auf imaginäre Monster. In der Vergangenheit reihte sich ein Vorwurf an den nächsten, ein Klischee an das andere. Und nun?

Zehntausende Schüler demonstrieren seit Wochen für den Klimaschutz, treten freitags in den Schulstreik. Prompt geht ein anderes Gezeter los. Jetzt ist manchem ein Teil der Jugendlichen offenbar schon viel zu politisch.

Mit oberlehrerhafter Attitüde empfiehlt NRW-Ministerpräsident Armin Laschet den Schülern, doch gefälligst nur in ihrer Freizeit auf die Straße zu gehen – wohl wissend, dass bei einer solchen Form des Protestes nach kurzer Zeit kaum noch ein medialer Hahn nach ihnen krähen würde. Christian Lindner setzte sogar noch einen drauf. Der FDP-Chef fordert die Schüler auf, freitags in den Unterricht zurückzukehren und das komplexe Thema Klimaschutz „Profis“ zu überlassen.

Nun darf kurz gerätselt werden: Wen meint der werte Herr Lindner mit „Profis“? Etwa auch sich selbst? So viel Hybris, so viel Überheblichkeit, so viel Arroganz provoziert geradezu polemische Anmerkungen. Aber sparen wir uns einen längeren Exkurs über Lindners professionelle Fähigkeiten, vornehmlich über die von ihm gepflegte Kunst der politischen Selbstdarstellung und des Blendens. Nur so viel sei gesagt: Ausgerechnet Lindner spricht den Schülern in Sachen Klimaschutz „Realitätssinn“ ab.

Dabei stehen gerade er, seine Partei, aber auch viele andere „erwachsene“ Entscheidungsträger für eine Politik, die immer noch nicht die ganze Dramatik des Klimawandels begriffen zu haben scheint und bisher allenfalls mit halbherzigen Initiativen auf diese zentrale Herausforderung der Gegenwart reagiert hat.

Wenn Schüler das dauerhafte Versagen vieler dieser „Profis“ durch unkonventionellen Protest anprangern, dann ist das gut so. Auch wenn sie sich dabei über Regeln hinwegsetzen. Schließlich geht es um ihre Zukunft, um den Zustand ihrer Welt. Wer die Aktionen der Jugendlichen als eine gehobene Form von „Schulschwänzerei“ banalisiert, will sie bewusst missverstehen und ins Abseits stellen.

Mündige Jugendliche

Natürlich existiert in Deutschland eine Schulpflicht. Aber fürs Leben zu lernen heißt längst nicht mehr allein, physikalische Formeln oder grammatische Besonderheiten zu pauken. Ebenso wichtig ist es, sich das anzueignen, was mündige Bürger auszeichnet – nämlich mit anderen für die eigenen Interessen zu kämpfen, sich gesellschaftlich einzubringen, Widerspruch zu üben. Genau das machen die jungen Leute gerade. Seien wir als Erwachsene froh, dass sie es endlich wieder tun. Sparen wir uns jedes paternalistische Gehabe – und nehmen uns stattdessen ihr Engagement zum Vorbild.