CDU-Vorsitz: Merz tritt gegen Merkel an

Kommentar zu Angela Merkel : Doppelte Demütigung droht

Die Zeit der Rache scheint gekommen zu sein. Ausgerechnet Friedrich Merz will von Angela Merkel den Vorsitz der CDU übernehmen. Der noch amtierenden Bundeskanzlerin droht damit eine doppelte Demütigung.

Merkel tritt nicht freiwillig als Parteichefin ab. Noch vor wenigen Tagen hat sie ihr altes Credo wiederholt: Kanzlerschaft und Parteivorsitz müssen in einer Hand liegen. Warum das kurze Zeit später nicht mehr gelten soll, versuchte sie am Montag zwar reichlich verquast zu erklären. Schlüssig war das nicht. Merkel scheint lediglich gemerkt zu haben, dass ihr in der CDU eine offene Palastrevolution gedroht hätte, wäre sie nach der Hessen-Wahl einfach zur Tagesordnung übergegangen. Aus der christdemokratischen Säulenheiligen ist längst eine von vielen „Parteifreunden“ Getriebene geworden. Schon das allein muss Merkel als Schmach empfinden.

Die Kandidatur von Merz aber macht für sie alles noch schlimmer. Der alerte Politiker aus dem Sauerland hat mit Merkel nämlich eine Rechnung offen. Noch vor 15 Jahren galt er als die kommende Galionsfigur der CDU – bis Merkel ihn in einem erbitterten Machtkampf vom Vorsitz der Bundestagsfraktion wegbiss und kaltstellte. Aus der gegenseitigen tiefen Abneigung machen beide seither keinen Hehl.

Nun ist allerdings die große Frage: Hat Merz überhaupt noch Rückhalt in der CDU-Funktionärskaste und an der Parteibasis? Ist seine Kandidatur mehr als eine kurzzeitige mediale Blase? Unübersehbar ist: Viele Christdemokraten wünschen sich eine konservative Rolle rückwärts ihrer Partei. Merz wäre für dieses Bedürfnis die ideale Projektionsfläche. Doch seit seinem politischen Abgang ist Zeit vergangen. Inzwischen gibt es Jens Spahn – ebenso konservativ wie Merz, ebenso neoliberal wie Merz, vor allem aber ebenso ehrgeizig und machtbewusst wie Merz. Auch er hat am Montag seinen Hut in den Ring geworfen.

Merkel wird versuchen, den einen wie den anderen als neuen CDU-Vorsitzenden zu verhindern. Stattdessen dürfte sie wohl auf Annegret Kramp-Karrenbauer setzen, die in den vergangenen Jahren ebenso wie ihre Chefin für einen vorsichtigen Modernisierungskurs der Partei stand. Doch es ist mehr als fraglich, ob Merkel noch die politische Kraft hat, ihre personellen, aber auch ihre programmatischen Vorstellungen während der anstehenden Richtungskämpfe in der Union durchzusetzen. Denn seit Montag ist sie weiter geschwächt. Auch als Kanzlerin ist sie nur noch eine Regierungschefin auf Abruf.

Mehr von Aachener Nachrichten