Kommentar zur Meinungsfreiheit: Bewusst missverstanden

Kommentar zur Meinungsfreiheit : Bewusst missverstanden

Wieder so eine groteske Debatte. Wieder drängt sich der Eindruck auf, dass ein Prominenter bewusst falsch verstanden wird, nur um eine möglichst hohe Aufregungswelle zu produzieren. Dieses Mal ist der ehemalige Weltklasse-Handballer Stefan Kretzschmar das Opfer.

Eigentlich hat „Kretzsche“ nur eine Binsenweisheit ausgesprochen. Natürlich sind Spitzensportler heute in der Regel deutlich stromlinienförmiger als früher. Sie sind längst Teil einer großen Unterhaltungsmaschinerie, die zunehmend von Sponsoren und Werbepartnern abhängig ist. Wer in diesem Zirkus funktionieren will, sollte möglichst niemanden – weder Geldgeber noch größere Teile der Kundschaft – vor den Kopf stoßen.

Schon gar nicht durch polarisierende Einlassungen zur Politik. Ausdrücklich verboten sind kritische Stellungnahmen zwar nicht. Aber (nicht nur) im Spitzensport gilt: Es ist viel bequemer, mit dem Strom zu schwimmen, als gegen ihn. Unkonventionelle, auch durch ihren Habitus und ihre Meinungsfreudigkeit auffallende Typen wie Kretzschmar (oder im Fußball einst Ewald Lienen) sind deshalb zu absoluten Ausnahmeerscheinungen in der Sport-Szene geworden.

Alles andere als AfD-nah

Auf nichts anderes hat die Handball-Ikone mit deutlichen Worten hingewiesen. Sicherlich lässt sich darüber streiten, ob sein Beispiel für eine akzeptierte politische Äußerung – nämlich die Zustimmung zur Flüchtlingspolitik der Bundesregierung – besonders gelungen war. Auf die Goldwaage gelegt, hat er seine Gedanken sicherlich nicht.

Aber wer Kretzschmars jetzt diskutierte Interview-Äußerungen einmal in voller Länge hört oder liest, wird nie auf die Idee kommen, dass hier ein durchgeknallter AfD-Anhänger jammert. Eher scheint es so zu sein, dass sich der beste deutsche Handballer der vergangenen Jahrzehnte mehr linke Positionen in der politischen Debatte wünscht. Näher ausgeführt hat Kretzschmar das in dem Interview freilich nicht – weil es in dem Gespräch auch gar nicht darum ging.

Auf den Leim gegangen

Umso absurder ist der Versuch von rechten Kreisen, Kretzschmar nun als Kronzeugen für ihre These zu missbrauchen, in Deutschland gebe es generell keine politische Meinungsfreiheit. Genauso absurd ist aber auch der Shitstorm, der Kretzschmar in den Sozialen Netzwerken seit Tagen von linksliberaler Seite entgegen schlägt. Verantwortlich dafür sind Veränderungen in unserer Kommunikationskultur.

Zunehmend werden Äußerungen von Politikern oder anderen Prominenten aus dem Zusammenhang gerissen, zugespitzt und zu möglichst krawallträchtigen Schlagzeilen verdichtet. So auch bei den nun auf etwas mehr als eine Minute zusammengekürzten Interview-Äußerungen von Kretzschmar, die als Video durch das Internet geistern. Sie sind völlig aus dem Kontext gelöst. Doch das scheint kaum jemanden zu interessieren. Festzuhalten bleiben deshalb zwei Dinge: Ist im Netz erst einmal eine Empörungslawine losgetreten, lässt sie sich nur schwer stoppen.

Und: Wieder einmal gehen viele der AfD auf den Leim. Sie interpretieren das Video genau so, wie es sich die Rechtsaußen wünschen.

j.zinsen@zeitungsverlag-aachen.de

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