Kommentar zu Habecks Rückzug aus den Sozialen Medien: Bemerkenswerte Begründung

Kommentar zu Habecks Rückzug aus den Sozialen Medien : Bemerkenswerte Begründung

Nicht allein US-Präsident Donald Trump ist in Twitter vernarrt. Auch viele deutsche Politiker zwitschern pausenlos. Für manche ist der Kurznachrichtendienst inzwischen zu einem zentralen Kommunikationskanal geworden – als ließe sich die Welt in maximal 280 Zeichen erklären.

Knappe Botschaften, schnell herausgehauen und an den Kunden gebracht: Twitter steht symbolhaft für unsere politische Kommunikations(un)kultur. Sie ist in Teilen zu einem kurzlebigen Aufmerksamkeitszirkus verkommen. In dieser medialen Welt geht es zu wie auf dem Boulevard. Es werden nur noch einfache schwarz-weiß Bilder gemalt. Gut und Böse regieren, Pöbeleien und Shitstorms inklusive. Differenzierungen? Fehlanzeige! Dafür reicht bei Twitter einfach nicht der Platz.

Als erstes politisches Schwergewicht zieht Robert Habeck daraus nun Konsequenzen. Er verlässt das Medium. Auslöser für den Schritt des Grünen-Chefs sind sicherlich die eigenen, verunglückten Tweets. Bemerkenswerter ist jedoch ein anderer Passus seiner Begründung. Habeck gibt zu: Um wahrgenommen zu werden, ist auch er beim Nutzen von Twitter immer aggressiver, lauter, polemischer und zugespitzter geworden. Auch er hat oft schneller getwittert, als er nachdenken konnte. Respekt! So viel selbstkritische Reflektion, zumal in aller Öffentlichkeit, ist im politischen Geschäft die Ausnahme.

Hoffentlich gibt es Nachahmer

Hoffentlich findet Habeck unter seinen Kollegen Nachahmer. Hoffentlich besinnt sich der gesamte Berliner Betrieb darauf: Politische Kommunikation muss vor allem komplexe Zusammenhänge darstellen, Pläne und Entscheidung kritisch hinterfragen, Einflussnahmen von mächtigen Interessengruppen offenlegen. Und zwar so, dass das Geschehen auch von eher politikfernen Menschen verstanden wird. Das ist sicherlich anspruchsvoller, anstrengender und unspektakulärer, als sich auf kurze, flotte Twitter-Sprüche zu stürzen und diese möglichst hohe Wellen schlagen zu lassen. Aber es ist auch entscheidend für den weiteren Weg unsere Gesellschaft.

Denn zu einer funktionierenden Demokratie gehören informierte Bürger. Wird deren Information jedoch zunehmend auf plakative Schlagworte und wenige, aggressive Schlüsselsätze reduziert, profitieren davon allein die großen Vereinfacherer, die Verdunkler, die Verführer – vor allem von rechts. Trump ist dafür das beste Beispiel. Deshalb liebt nicht nur der US-Präsident Twitter.

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