Kommentar zum Hass im Internet: Armseliges Geschrei

Kommentar zum Hass im Internet : Armseliges Geschrei

Es ist noch nie so leicht gewesen wie heute, andere Menschen zu beleidigen und zu diffamieren. Was früher der Dorfplatz oder der Stammtisch waren, sind inzwischen Foren oder sogenannte Soziale Netzwerke im Internet. Die Resonanzraum für die Wut des Einzelnen ist damit größer geworden, und das hat fatale Folgen. Denn wenn Wut und Angst den Diskurs prägen, ändert sich unsere Gesellschaft – und zwar nicht zum positiven.

Derzeit stürzen sich Hater (Hasser) im Netz vor allem auf die „Fridays for Future“-Bewegung. Auch auf den Facebook-Seiten dieser Zeitung wird das Engagement der Kinder und Jugendlichen, die sich in vielen Fällen zum ersten Mal gesellschaftlich und politisch einbringen, nicht etwa gelobt, sondern häufig diffamiert. Jugendliche mit solch einem Hass zu überziehen, ist nicht nur armselig. Bei zu Gewalt aufrufenden Kommentaren – denn selbst die gibt es leider – können die Äußerungen sogar strafrechtlich relevant sein.

Die Empathie geht verloren

Es macht einen Unterschied, ob man im Auto flucht, weil sich ein Radfahrer im toten Winkel vorbeigequetscht hat, vielleicht radfahrend vor sich hinmeckert, weil mal wieder ein Auto auf dem Radweg geparkt hat. Oder ob man bei Facebook alle Radfahrer und alle Autofahrer beleidigt. Leider ist das Lieblingszeichen vieler Menschen im Netz der Wut-Emoji.

Etliche Studien belegen: Oft geht die Empathie verloren, wenn wir das Gegenüber nicht sehen. Einige vergessen, anderen ist es schlichtweg egal, dass sie mit ihren Kommentaren einen Menschen treffen. Im Fall der „Fridays for Future“-Bewegung ist das besonders gravierend, weil keine öffentliche Person wie die Kanzlerin angegriffen wird, die von Amts wegen mit Beleidigungen rechnen muss. Hier werden Kinder aufs Übelste beschimpft. „Schulschwänzer“ ist da noch der harmloseste Vorwurf.

Wer sich in seiner Blase aus Hass, Wut und Geschrei bewegt, wird in seiner Meinung – oder in seinem Wahn – bestärkt. Wozu das im Fall rechter Hetze führen kann, zeigen Angriffe auf Politiker, deren Haltung zur Flüchtlingspolitik rechten Krakeelern nicht passt. Dramatisches Beispiel ist der Fall Lübcke.

Es hat bislang keine tätlichen Angriffe auf die jungen Umweltaktivisten gegeben. Doch die rechte Szene, auch die Alternative für Deutschland, diskreditiert die „Fridays for Future“ und ihr Gesicht Greta Thunberg konsequent. Natürlich darf sich jeder kritisch mit der Bewegung auseinandersetzen, aber bitte sachlich! Es mag ja sein, dass der ein oder andere Demonstrant am Freitag von seiner Mutter im SUV nach Aachen gefahren wird. Auch möglich, dass Jugendliche nach dem Abi nicht mit dem Rad durch Deutschland touren, sondern nach Mallorca fliegen – und trotzdem mehr Klimaschutz fordern. Darüber darf jeder einen süffisanten Spruch ablassen. Aber die verbitterte Wut im Netz ist unerträglich.

Die Trolle nur zu ignorieren kann auf Dauer gefährlich sein, weil sich im Netz Teilöffentlichkeiten etablieren und gegenseitig bestärken. Was tun? Das Internet abschalten geht leider nicht. Also muss man dagegenhalten. Daneben bleibt vielleicht nur eine Hoffnung: Die Facebook-Nutzer werden immer älter, Junge nutzen das Netzwerk kaum noch. Möglicherweise sterben irgendwann die Wutbürger aus.

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