Zwei von drei Metallern wählen Freizeit

Tarifabschluss : Zwei von drei Metallern wählen Freizeit

„Mit einer solch großen Resonanz haben die Unternehmer wohl kaum gerechnet“, bringt heute Michael Gaugel das Ergebnis des Tarifabschlusses in der Metallindustrie aus Gewerkschaftssicht auf den Punkt.

Die Arbeitgeber hätten wohl darauf abgestellt, dass die Beschäftigten eher zum zusätzlichen Geld greifen würden. „Haben sie aber nicht“, sagt der Betriebsrat der Eschweiler Albert Hoffmann GmbH, der Mitglied der nordrhein-westfälischen Tarifkommission ist. „Zwei Drittel der Berechtigten haben sich für den zusätzlichen Freizeitausgleich entschieden.“

Beantragt werden musste er bis Ende Oktober. In diesen Wochen verhandeln Unternehmer und Betriebsräte in Stolberg und Eschweiler, ob und wie die Wünsche der Beschäftigten umgesetzt werden können. „Das sind noch einmal harte Verhandlungen in den Tagen vor Weihnachten“, prognostiziert Gaugel. Denn nicht jeder Arbeitgeber zeigt sich begeistert von der Aussicht, zwei Dritteln seiner Beschäftigten acht Tagen zusätzliche Freizeit im Jahr zu gewähren.

„Das sind erst einmal 56 Stunden“, verdeutlicht Martin Peters. „Wenn es beispielsweise schon fünf Kollegen aus einer zwölfköpfigen Abteilung sind, dann summiert sich das auf 280 Stunden“, so der 1. Bevollmächtigte der IG Metall in Stolberg und Eschweiler, in denen die Produktivität anderweitig sichergestellt werden müsse.

Springen auf den „T-Zug“: IGM-Bevollmächtigter Martin Peters (r.) und Betriebsrat Michael Gaugel aus der NRW-Tarifkommission. Foto: Jürgen Lange

„Die Zahlen sprechen für sich“, sagt Peters. Zahlen aus den großen Metallbetrieben der Kupferstadt machen das Ausmaß der Herausforderung deutlich: Allein bei den berechtigten Schichtarbeiten haben 77 von 140, 100 von 240, 152 von 225 und 141 von 195 Beschäftigte den Freizeitausgleich beantragt. Hinzu kommt noch eine Reihe weiterer Beschäftigter auch aus anderen Betriebsbereichen, die zur Betreuung von Kindern oder zur Pflege von Angehörigen das Freizeitmodell gewählt haben – anstatt 27,5 Prozent des Monatsentgelts einmal pro Jahr als tarifliches Zusatzgeld ausgezahlt zu bekommen. „T-Zug“ nennen die Metaller das Angebot, das auch für die Dauer von zwei Jahren eine Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit von 35 auf 28 Stunden ermöglicht. „Von dieser Variante haben die Kollegen vereinzelt Gebrauch gemacht.“, berichtet Peters.

Schwierig werden dürfte es aus Sicht der Metaller, in einigen Abteilungen den Freizeitanspruch der Schichtarbeiter sicherzustellen. „Die sind im Schnitt immer zehn Prozent Überstunden gefahren“; weiß der Bevollmächtigte. Die könnte man anrechnen – je nach Auftragslage. „Aber hier wird ganz deutlich, dass viele Unternehmen deutlich unterbesetzt sind“, markiert Peters die Forderung nach Neueinstellungen. Wobei dem Gewerkschaftsfunktionär durchaus bewusst ist, dass in manchen Sparten kaum qualifiziertes Personal zu finden ist. Beispiel Elektriker. „Wenn man einen hat, muss man ihn in die Ecke stellen, regelmäßig gießen und gut pflegen“, erzählt Peters einen gängigen Scherz, der die Lage aber auf den Punkt bringe.

Als anderer wunder Punkt gilt vielen das Image in der Industrie. Dabei verdiene man gutes Geld in der Metallindustrie. „Auch wenn es schwer fällt, es zu sagen, aber ein ungelernter Metaller wird besser bezahlt als eine qualifizierte Pflegefachkraft“, verdeutlicht Martin Peters. Möglicherweise ist das gute Entgeltsystem ein Grund, die Freizeitvariante zu bevorzugen. „Die Interessen der Arbeitnehmer haben sich gewandelt“, berichtet Michael Gaugel von seinen Erfahrungen: „Mit Überstunden wurden früher Auto, Urlaub oder Hausbau finanziert, während heute mehr Wert gelegt wird auf ein soziales Leben, Freiraum und Zeit zur Erziehung der Kinder.“

„Die Arbeitszeiten sollen heute zum Leben passen“, betont Martin Peters. Diesen Trend habe die IG Metall frühzeitig erkannt und sich lange mit dem Thema beschäftigt. Nachdem die Gewerkschaft in den 80er Jahren für die 35-Stundenwoche auf die Straße gegangen war, habe sie sich seit 2011 intensiv mit der Gestaltung von Arbeitszeiten beschäftigt. Heute lauten die Eckpunkte ihrer neuen Arbeitszeitpolitik „Selbstbestimmung, Vereinbarkeit und Gesundheit.“ Auf diesem Weg sei mit dem Pilotabschluss für die Metall- und Elektroindustrie vom Februar diesen Jahres ein erster, wichtiger Schritt gemacht.

„Es wird sich einspielen“

In diesen Tagen sitzen Michael Gaugel und seine Kollegen in den hiesigen Metallunternehmen mit den Personalchefs zusammen, um diesen ersten Schritt Realität werden zu lassen – ganz individuell in jedem Unternehmen und den einzelnen Abteilungen. Vom harten Ringen bis hin zur kreativen Kooperation reiche dabei die Stimmungslage, ob und wie der Entfall des Arbeitsvolumens durch Freizeitausgleich aufgefangen werden könne.

Möglich sind dabei viele Modelle, von der Ausweitung der Arbeitszeit über Überstunden, veränderte Schichtsysteme und Prioritätenlisten bis hin zu Neueinstellungen reicht die Palette. Die Premiere gestalte sich noch schwerfällig, „aber über die Jahre wird sich das schnell einspielen“, ist sich Michael Gaugel sicher. „Zumindest wenn Unternehmer ihre Kreaitvität, Leute länger arbeiten zu lassen, dafür einsetzen, ihnen frei zu geben“, sagt Martin Peters und zeigt sich optimistisch, das Ziel auch erfolgreich zu erreichen.

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