Zum 100. Geburtstag von Therese Linzenich

Ein bewegtes Leben : Zum 100. Geburtstag von Therese Linzenich

Als die Berliner Mauer fiel, war sie 70, als der erste Mensch den Mond betrat, war sie 50 und als Nazi-Deutschland Polen überfiel, war sie 20 Jahre alt. Am 2. August 2019 wurde die

Geboren wurde sie in Mausbach als einzige Tochter von Peter Hamacher und Elisabeth Heidbüchel und wohnte die meiste Zeit ihres Lebens im Düre Koof, bis sie vor einigen Jahren in eine Senioreneinrichtung in Simmerath zog. Sie erlebte nicht nur einhundert Jahre Geschichte mit Höhen und Tiefen, sondern zeitlebens war sie an Geschichte interessiert. Vor allem die Geschichte des Mittelalters hat es ihr angetan, aber näher dran ist sie natürlich an der Heimatgeschichte. Teilweise auf den Tag genau kann Therese Linzenich sagen, wann bestimmte Ereignisse vonstatten gingen.

Ihre erste Arbeitsstelle hatte sie 1937 bei Prym angetreten, wie ihr Vater und andere aus der Familie. Sie arbeitete in der Rechnungsabteilung. Vor etwa 70 Jahren war sie eine der fünf Begründer des Mausbacher Geschichtskreises, der über viele Jahre in Ausstellungen und anderen Aktionen die lokale Geschichte lebendig hielt.

Und sie betrieb Ahnenforschung: „Im Personenstandsarchiv in Brühl war ich allein vierundzwanzig Mal“, weiß die Hundertjährige zu berichten. Ihr erarbeiteter Stammbaum reicht einige Jahrhunderte zurück. Und nicht zuletzt kam der Forscherin ihre Stellung in der Gemeindeverwaltung von Gressenich gelegen. Von 1941 bis 1948 war sie dort im Einwohnermelde- und Standesamt tätig, wo sie direkt in den bis 1800 zurückreichenden Urkunden recherchieren konnte.

„Bis 1948 habe ich sie selbst noch in Sütterlin geführt“, erklärte sie. Denn dann war ihr durch die Heirat von Heinrich Linzenich die weitere Tätigkeit in der Verwaltung untersagt. Gerne hätte sie diese fortgeführt, da sie Büroarbeit schon als Kind als Berufswunsch anstrebte. Lesen und Schreiben begleitete sie ihr ganzes Leben. „Ich weiß auch, woher ich meine große Karnevalsleidenschaft habe“, zwinkert sie mit Verweis auf ihren selbst erstellten Stammbaum, „Meine Vorfahrin Adelheid Grau aus dem 18. Jahrhundert war eine Kölnerin!“

Und mit großer Freude verweist sie auf zwei dicke Bände, die vor ihr auf dem kleinen Tisch liegen. „100 Jahre Therese Linzenich. Die Verwandten der Therese Hamacher, verheiratete Linzenich“, ein Buchexemplar, das es nur einmal gibt. Erstellt von Rainer Sauer, Mitglied im Arbeitskreis Mausbacher Geschichte, den Frau Linzenich einst mitbegründet hatte. Denn in Mausbach ist man glücklich, sie zu den Engagierten zählen zu dürfen, die bei jeder Frage zur Ortsgeschichte mit Antworten aufwarten kann.

So erlebte Therese Linzenich auch das Dritte Reich mit, das das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte darstellt. Für Therese Linzenich ging das Leben normal weiter, als es in Deutschland finster wurde. Großartige Veränderungen durch die Machtergreifung merkte sie nicht. In der Familie sprach man nicht über Politik. Lediglich ihr Vater redete darüber, wenn Freunde zu Besuch waren.

Aber sie weiß, dass ihre Familie sich der Zentrumspartei zugehörig fühlte: ,,Es wurde immer vom Zentrum geredet. Der ist auch im Zentrum oder der ist auch im Zentrum”, zitiert sie die damaligen Dialoge. In ihrem restlichen Umfeld gingen die Meinungen auseinander, was die NSDAP anging. ,,Da waren welche, die waren himmelhoch jauchzend und andere", sie rang im Gespräch nach Worten, „für die war es einfach eine Unmöglichkeit!". Nichtsdestoweniger erfreuten sich einige über Verbesserungen in der Arbeitswelt, die Arbeitslosigkeit ging zurück. ,,Manche, die früher beim Arbeitsamt saßen, die fuhren jetzt mit der Straßenbahn. Das war schon ein Fortschritt.”

Doch für manche blieben gewisse Berufe verwehrt, wie Theresa Linzenich berichtet: „Ein Bekannter von uns sollte Schießmeister werden in einem Steinbruch. Dazu musste die Partei dem zusagen”, was ihm allerdings verwehrt blieb, da er „politisch nicht zuverlässig“ war, wie es die NSDAP in einem Schreiben mitteilte.

Mit jüdischen Bürgern gab es in der Bevölkerung nie Probleme, erklärt sie. „Man ging dort einkaufen und achtete nicht weiter drauf, weshalb auch die Verschleppungen der Juden nicht unbeachtet blieben“, schildert die Zeitzeugin detailliert. „Der eine oder andere wurde rausgezogen und kam dann in ein Konzentrationslager.” So wurde man vorsichtiger, was man sagte und war sich auch durchaus bewusst, in welchem Haus ein Nazi wohnte. „Es war eine vorsichtige Zeit!“. Ihr Vater ging, bevor sie den Londoner Sender hörten, vor das Haus und „guckte, ob niemand irgendendwo stand und bemerkte, dass wir 'London' hörten.” Allgegenwärtig war die Angst vor Denunziation.

Vom Kriegsanfang am 1. September 1939, der sich nun zum 80. Mal jährt, erfuhr sie im Radio. „Was verstanden wir vom Krieg, wir jungen Menschen?”, erzählt sie, „man hatte schlichtweg die Hoffnung, es wird schon werden.“

Die ersten Auswirkungen des Krieges spürte Theresa Linzenich mit dem vermehrten Fehlen einzelner Konsumgüter wie Kleidern, Nahrungsmitteln etc. Ihr späterer Ehemann Heinrich Linzenich war der erste Werther, der von der Wehrmacht Ende Oktober 1935 eingezogen und in Rheine (Westfalen) stationiert wurde. 1940 nahm er am Einmarsch in Norwegen teil, wohin beide nach dem Krieg Reisen unternahmen und sie selbst seit einigen Jahren Kontakt zu einem norwegischen Historiker hält.

Schlussendlich kam der Krieg auch über die Grenzen Deutschlands. Die Allierten stießen am 15. September 1944 auch bis Mausbach vor, wo sie Therese Linzenich und viele andere Mausbacher am 7. Oktober 1944 nach Wahlheim evakuierten. Zuvor gab es bereits Evakuierungen der Wehrmacht, der sich allerdings viele widersetzten: „Da haben sie sich verkrochen, im Wald sind sie gewesen.” Sie erlebte, wie der Krieg in Mausbach Einzug hielt: „Es blieben häufig Leute tot durch Einschläge, es hat gebrannt. Die Amerikaner waren menschlich sehr vornehm. Von Gewalt oder sonst was habe ich nie gehört.” Auch wenn sie oftmals die Häuser, wo sie einquartiert waren, nicht so zurückließen, wie sie sie vorgefunden hatten. „Die haben die Möbel zerschlagen und verbrannt. Aus Wut und Rache wegen der schlimmen deutschen Gräueltaten”. Am 15. März 1945 kehrte Theresa Linzenich nach Mausbach zurück, wo kaum mehr ein Stein auf dem anderen lag.

Aus hundert Jahren lässt sich viel berichten, wenn man wie Therese Linzenich auch ein gutes Gedächtnis hat. Das Jahr 1947, das für sie als „schreckliches, hungriges Jahr“ in Erinnerung blieb, wo die Sommerhitze Granaten im Boden explodieren ließ, oder 1948, als nach der Währungsreform plötzlich alle möglichen Waren wieder erhältlich waren. Sie selbst hatte sich mit den ersten Deutsche-Mark eine gebrauchte Nähmaschine gekauft. In Erinnerung blieb auch der Festumzug 1956 in Stolberg oder die erste Reise, die sie mit ihrem Mann unternahm, nach Königswinter am Mittelrhein. Heinrich Linzenich starb 1996 im Alter von 82 Jahren.

(alt)
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