Projekt „Auffallen - Wabe Netzwerk Frauen & Wohnen“: Wohnungslosigkeit ist vor allem bei Frauen ein Problem

Projekt „Auffallen - Wabe Netzwerk Frauen & Wohnen“ : Wohnungslosigkeit ist vor allem bei Frauen ein Problem

Bettina K. (Name von der Redaktion geändert) steht mit beiden Beinen im Leben – zumindest auf den ersten Blick. Was sie allerdings verschweigt: Die junge Frau ist wohnungslos. Bereits seit Monaten kommt sie bei Bekannten unter, übernachtet mal hier und mal dort. Doch nun ist für sie kein Platz mehr.

In ihrer Not beschließt Bettina K. auf ein unmoralisches Angebot einzugehen, das ihr eine flüchtige Bekanntschaft gemacht hat. Bei ihm kann sie einige Tage bleiben, allerdings nur, wenn sie sich mit sexuellen Handlungen revanchiert. Auch wenn es die Person Bettina K. vielleicht nicht in Stolberg gibt, ihre Geschichte ist kein Einzelfall. Wohnungslosigkeit und die damit einhergehende Wohnungsprostitution sei gerade bei Frauen ein immer größer werdendes Problem. Das wissen Vera Langenberg und Peter Brendel von der Wabe. Ein neues Projekt soll Frauen, die in diesen Situationen stecken helfen oder – im Idealfall – die Wohnungslosigkeit vorab verhindern.

Gefördert wird das Projekt vom Europäischen Hilfefonds für die am stärksten benachteiligten Personen – oder kurz EHAP. Eine erste Förderphase lief Ende des vergangenen Jahres aus. Als eines von insgesamt sechs neuen Projekten bundesweit schaffte es die Wabe mit „Auffallen“ in die zweite Förderphase, die bis Ende 2020 dauert. Das Projekt umfasst übrigens drei Kommunen. Neben Stolberg ist Vera Langenberg auch Ansprechpartnerin in Stolberg. Zudem gibt es noch eine weitere Beratungsstelle in Aachen.

Zum Hintergrund: In der bereits vorhandenen Beratungsstruktur der Wabe habe man bereits vermehrt festgestellt, dass das Thema Wohnungslosigkeit enorm zunehme – und vor allem die Wohnungslosigkeit bei Frauen sei ein immer größer werdendes Thema. Aber genau die finde oft auch im Verborgenen statt, meint Wabe-Geschäftsführer Peter Brendel. Denn: „Frauen offenbaren sich meist erste später als Männer. Bisher war dieses Thema oft eine Nebenbaustelle“, sagt Brendel. Doch genau das soll sich nun ändern.

Vera Langenberg ist Ansprechparterin bei der Wabe für das Projekt „Auffallen  – Wabe Netzwerk Frauen & Wohnen“. Foto: ZVA/Sonja Essers

In Stolberg und Eschweiler ist dafür Vera Langenberg zuständig. Zu ihren Aufgaben gehört neben der Beratung und Begleitung der Frauen auch die aufsuchende Arbeit. Letztere richte sich vor allem an Frauen, die noch an keinem Hilfeangebot angedockt seien. Vernetzungsarbeit sei an dieser Stelle deshalb das A und O. Auch Gespräche mit Vermietern will Langenberg in Zukunft suchen. Auf diese Weise will Langenberg bereits agieren, bevor es zum Ernstfall kommt. Und damit nicht genug. In einer offenen Sprechstunde (siehe Infobox) will sie zudem mit den Betroffenen zudem über ihre aktuelle Situation sprechen und bei der Wohnungssuche behilflich sein. Aber: „Wir selbst bieten keine Wohnungen an. Wir haben eine Brückenfunktion zwischen den bereits vorhandenen Beratungsstellen und wirken unterstützend“, sagt Brendel. Mit den Sozialämtern in Stolberg und Eschweiler arbeite man bereits eng zusammen.

Doch was unterscheidet in puncto Wohnungslosigkeit eigentlich Frauen von Männern? „Frauen bleiben länger in bestimmten Strukturen“, sagt Langenberg. Bevor sich eine Frau dazu entscheide auf der Straße zu leben, müsse vorab bereits eine Menge passiert sein. Meist kommen Frauen bei Freunden oder Bekannten unter und ziehen dann von Person zu Person weiter. „Sie haben zwar keine eigene Wohnung sind aber trotzdem nicht obdachlos“, sagt Langenberg.

Um drinnen schlafen zu können, gehen sie oft sogar noch einen Schritt weiter, erklärt Langenberg und nennt an dieser Stelle das Stichwort Wohnungsprostitution. Bedeutet: Für einen Schlafplatz nehmen sie sexuelle Gefälligkeiten in Kauf. Doch trotz dieser Probleme merke man den betroffenen Frauen meist nichts an. „Sind Männer obdachlos trifft man sie oft an einschlägigen Plätzen. Frauen tun alles, um das zu verschleiern – auch optisch“, sagt Langenberg und nennt sitzende Frisuren, frisch aufgelegtes Make Up und saubere Kleidung als Beispiele.

Aus diesem Grund sei es wichtig, gerade bei Frauen noch genauer hinzuschauen, sind sich Langenberg und Brendel einig. Dabei spielt der Bildungsgrad übrigens keine Rolle. In die Wohnungslosigkeit könne man leicht abrutschen. „Zieht der Mann aus und die Wohnung wird daraufhin zu teuer, kann das schnell passieren“, sagt Langenberg und fügt hinzu: „Ist man alleinerziehend oder bekommt Bezüge vom Jobcenter erschwert das natürlich die Wohnungssuche.“

Ein festes Ziel für die Zeit bis Ende 2020 gibt es auch schon. Insgesamt 360 Frauen sollen die drei Anlaufstellen in Stolberg, Eschweiler und Aachen bis Ende 2020 mit ihrer Arbeit erreichen. Aktuelle Zahlen darüber, wie viele Frauen betroffen sind, gibt es derzeit noch nicht. Übrigens kommen auch Familien in Langenbergs Sprechstunde. Auch wenn das Projekt sich vorwiegend an Frauen richtet, darf niemand von der Beratung ausgeschlossen werden – eine Richtlinie aus dem EHAP.

Einen ausführlichen Vortrag über das Projekt halten Vera Langenberg und Peter Brendel übrigens in der Sitzung des Ausschusses für Soziales und Generationengerechtigkeit (ASG), der am Dienstag tagt.

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