Gut Schwarzenburg in Dorff: Wo Bio-Kühe entscheiden, was sie tun

Gut Schwarzenburg in Dorff : Wo Bio-Kühe entscheiden, was sie tun

Bewegungsfreiheit dank Computer, Freilaufstall, Tunnel und 100 Hektar Land. Auf Gut Schwarzenburg können die Kühe selbst entscheiden ob sie auf die Weide oder in den Stall - zum Melken oder Fressen gehen.

„Einen Wunsch habe ich dann noch“, sagt Catharina von Hoegen, als zum Ende der Tour unsere Leser den kleinen Selbstbedienungs-Hofladen verlassen haben. Frische Bio-Milch, Kartoffeln eines befreundeten Bauern aus Eschweiler und Eier – sowie nach Absprache ein Rind oder Hühner – kann man dort erstehen. „Ich hätte gerne ein Hühnermobil“, meint die 27-jährige Landwirtin, die in der fünften Generation mit ihrem Vater die Landwirtschaft Gut Schwarzenburg in Dorff führt.

„Die Qualität haben sie ja, unsere Eier“, sagt Christoph von Hoegen. „Aber es fehlt noch der freie Auslauf. Das wäre die Voraussetzung für das Bio-Siegel.“ Noch sitzen die Hühner in einem Stall in drei Etagen auf dem Boden. Für solch einen mobilen Hühnerstall für die Wiese legt man im Einkauf locker 20.000 Euro hin. „Aber einen Hänger habe ich schon. Ich brauche nur noch ein paar Jungs, die ihn mir umbauen“, lacht Catharina von Hoegen. Das ist alles ist noch Vision.

Aber einen anderen Traum haben sich Vater und Tochter bereits erfüllt. Vor gut zwei Jahren haben sie der konventionellen Landwirtschaft den Rücken gekehrt. Auch wenn es immer mehr werden und man sie in der Region noch an ein paar Händen abzählen kann, aber Gut Schwarzenburg zählt zu den Biohöfen. „Wir sind ein Milchviehbetrieb“. Und dazu gehört vor allem, dass die Kühe jede Menge Auslauf auf die Weiden und viel mehr Platz im Stall haben, als das in einer konventionellen Haltung der Fall wäre. Selbstverständlich ist das biologische Futter.

Auf dem satten Gras auf den knapp 100 Hektar Land, das sich von der Dorffer Marienstraße aus wie ein breiter werdender Trichter in Richtung Breinig erstreckt, weiden rund 150 Rindviecher, darunter 130 Milchkühe. Hinzu kommen noch etwa 100 Stück Jungvieh.

Christoph und Catharina von Hoegen geben bereitwillig auf alle Fragen Antwort. Foto: Jürgen Lange

Schon 1998, als sie eine Biogasanlage bauten, liebäugelten die von Hoegens mit einer Umstellung auf biologische Landwirtschaft. Seinerzeit war das noch zu riskant, die Einnahmemöglichkeiten zu niedrig. Ein nächste Schritt hin zu einer ökologischen Landwirtschaft folgte 2013, als die Familie einen neuen Laufstall plante. Dabei hatte sie vor allem das Tierwohl im Blick. Als er 2015 gebaut wurde, erfüllte er schon die meisten Voraussetzungen für eine biologische Bewirtschaftung.

Der Anlass, dann 2017 wirklich umzustellen, waren die schwankenden und niedrigen Milchpreise. Bei Biomilch sind die Entgelte, die die Landwirte erhalten, ein wenig höher und konstanter. Aber dennoch deutlich niedriger als das, was unsere Leser in den Geschäften für einen Liter bezahlen. Erhält der Bauer pro Liter aus dem konventionellen Betrieb 33 Cent, sind es für Biomilch 42 Cent. Die Spanne zum Verkaufspreis von über einem Euro im Laden sind die Margen von Logistik, Molkereien und vor allem Handel. Reich werden können die Produzenten von den paar Cent nicht. Zu hoch sind laufende Kosten und Investitionen in den Betrieb.

Catharina und Christoph von Hoegen geht es einen Deut besser. Sie sind Genossen. Ihnen gehört ein kleines Stückchen der weltweit fünftgrößten Molkerei: Arla Foods gehört als europäische Genossenschaft rund 10.300 Landwirten aus Belgien, Dänemark, Deutschland, Großbritannien, Luxemburg, Schweden und den Niederlanden. Das Unternehmen mit rund 19.000 Mitarbeitern erwirtschaftete 2018 einen globalen Umsatz von 10,4 Milliarden Euro und gilt als der weltweit größte Hersteller von Molkereiprodukten in Bio-Qualität. In Deutschland sind rund 1850 Landwirte Arla-Genossen; in Stolberg sind es ein Dutzend, die heute gut eine Million Kilogramm Milch jährlich liefern. In Dorff flattern stolz die Arla-Fahnen auf dem Gut.

Früher war das anders, erzählt Christoph von Hoegen. Zuerst ging die Milch aus Dorff an die Molkerei am Aachener Europaplatz. Dann folgte die Milchversorgung Rheinland in Köln. Nächster Schritt war die Tuffi in Wuppertal, dann die Milchunion Hocheifel (MUH) mit ihren Produktionsstätten in Pronsfeld im Kreis Bitburg-Prüm. Dorthin fahren die Alu-Lastzüge auch heute noch die Bio-Milch von Gut Schwarzenburg. Die Genossenschaft MUH fusionierte 2012 mit der im 19. Jahrhundert in Dänemark gegründeten Arla. Pronsfeld ist spezialisiert auf haltbare Molkereiprodukte: Trinkmilch, Sahne, Milchmischgetränke, Kondensmilch, Schmand und Trockenpulver sowie frische Butter und Mischstreichfette.

Radfernweg „Kaiserroute“ untertunnelt: Ungestört können die Rinder wann immer sie wollen selbstständig auf ihre Weide laufen. Foto: Jürgen Lange

Zurück aus der Vulkaneifel nach Dorff, wo sich die von Hoegens als „Hofentdecker“ engagieren. Immer wieder werden Kita-Gruppen oder Schulklassen in die Geheimnisse des Bauernhofes eingeweiht – so wie jetzt unsere Leser beeindruckt sind von dem modernen Anwesen mit seiner langen Geschichte und die Bauersleut in der Tat mit Fragen löchern. Denn auf Gut Schwarzenburg haben die Kühe das Sagen über ihren Tagesablauf. Fast, denn einigen eigenwilligen Milchtieren setzt im Zweifelsfall der Computer Grenzen.

Die Tiere können nach eigenem Gutdünken den Tag auf der Weide verbringen oder den Stall aufsuchen – zum Melken, Fressen oder auch, um sich striegeln zu lassen. Eigens wurde ein Tunnel gebaut, damit die Tiere barrierefrei auf ihrem Weg zwischen Stall und Weide die viel befahrenen Radwanderroute unterqueren können.

Jede Kuh trägt ein lockeres Halsband, das neben einer Nummer, die dem Bauern die Zuordnung erleichtert, einen robusten Chip ziert. Er ist quasi die Lizenz, zurück zur Wiese zu gelangen. „Rein in den Stall kommen unsere Tiere immer“, erzählen Catharina und Christoph von Hoegen, während sie locker am Gatter des Stall lehnen, immer wieder von Kühen angestupst werden und sie diese streicheln. „Aber manche Kuh möchte anfangs nicht gemolken werden.“ Das würde aber für sie zu gesundheitlichen Problemen führen. Deshalb gibt es eine Ausgangskontrolle. Nur wer die erwartete Menge Milch abgegeben hat, darf wieder raus zum Grasen.

Dabei wird von den Bio-Kühen weitaus weniger erwartet als vom konventionellen Rindvieh. Liegen dort die Jahresleistungen bei 11.000 Kilogramm und mehr, rangieren sie auf dem Dorffer Biobauernhof um die 7000 Kilogramm. Bewusst. „Mehr würden auch unsere Weiden nicht hergeben“, sagt der 51-jährige Landwirt. Qualität und Tierwohl haben Vorrang auf Gut Schwarzenburg. Bei höherer Leistung könnten die Muttertiere nach dem Kalben nicht mehr genug „Fett ansetzen“.

Robotergesteuert: Mittels Laser wird die Melkanlage auf die Zitzen gesetzt. Die Kuh behält im Melkstand ihre Bewegungsfreiheit. Foto: Jürgen Lange

Catharina von Hoegen geht einen anderen Weg, züchtet den alten Bestand zurück auf niedrigere Margen. Ein bunter Mix unterschiedlicher Rassen fühlt sich mittlerweile heimisch in Dorff. Normande, Fleckvieh, Braunvieh, Holstein-Friesian und natürlich auch die alt bekannten Schwarz- oder Rotbraunen.

„Opa Erich konnte das anfangs gar nicht nachvollziehen“, berichtet Catharina von Hoegen. Auch manche Neuerungen durch die biologische Landwirtschaft nicht, die der 78-Jährige von früher einfach nicht kannte. Aber die Zeiten und Generationen ändern sich.

Jetzt geht es zurück zur alten Natur. Etwa zum Doppelnutzungstyp, der mehr Fleisch ansetzt und eben weniger produziert als Hochleistungsrinder an Milch. Das hat mit Gesundheit und genetischer Vielfalt zu tun. Gerne zeigen die von Hoegens unseren Lesern die Vertreter der unterschiedlichen Arten im Stall, erläutern ihre Merkmale und Aussehen. Sie sind froh, dass sich wieder Menschen dafür interessieren, woher die Milch kommt – eben nicht aus der Tüte, sondern von Lebewesen mit all ihren Freuden und Sorgen. Und daran sind unsere Leser interessierter denn je. Die Nachfrage nach den Touren in die Natur, zu Pflanzen und Tieren zählt längst zu den Spitzenreitern des „7 x Sommer“-Angebotes. Ältere Leser frischen Erinnergungen auf, jüngere bringen den Kindern die Natur näher – bei allen ist das Interesse groß. Die Gastgeber werden mit Fragen gelöchert.

Streicheleinheiten I: An solchen Bürsten können sich die Kühe scheuern, wann immer sie wollen. Jede hat zudem ihren eigenen Trog im Freilaufstall. Foto: Jürgen Lange

„Hier steht alles offen. Jeder kann uns fragen – wenn wir Zeit haben“, sagt Christoph von Hoegen. Denn die alltägliche Arbeit auf dem Hof von morgens um sieben bis abends um sieben ist trotz Computer nicht weniger geworden, nur vielleicht ein wenig anders. „Manches weiß der Computer sogar eher als wir es im Umgang mit den Tieren bemerken können.“

Ein wenig erinnert das schon an George Orwells. Könnte ein Tier nicht fit sein, kann das anhand der erfassten Daten früher abgelesen werden, als es der Augenschein dem Bauern ermöglicht. Denn sehen kann man meist erst viel später, was die von jeder einzelnen Kuh erfassten Daten prognostizieren. Gewicht, Milchmenge, Streicheleinheiten, ob und wann welcher Kuh welche Menge zugefüttert werden muss vom Bio-Mais, der im Jülicher Land wächst – das Leben des Milchviehs ist „durchsichtig“. Datenschützer wären bestimmt entsetzt.

Den Kühen kommt es zugute. Auch weil es ihnen eine größere Freiheit ermöglicht, als im konventionellen Betrieb. „Frau Kuh“ entscheidet selbst, wann sie gemolken werden möchte – dank zweier Melkroboter. „Frau Kuh“ betritt den Melkstand, wann immer ihr danach ist. Per Lasertechnik werden die Zapfsäulen am Euter angesetzt. Jede Zitze wird individuell abgesaut, bis sie keine Milch mehr gibt. Diese fließt ohne weitere Berührung mit der Umgebung und somit ohne mögliche Verunreinigungen direkt in den Tank, während die Kuh sich im Melkstand recht frei bewegen kann. Nach dem Melken reinigt der Roboter die Saugrüssel automatisch, desinfiiert und kühlt sie für die nächste Kuh, die den Stand betritt.

„Früher war auch das anders“, erzählt Christoph von Hoegen. Die hydraulischen Anlagen saugten so lange – auch an Zitzen ohne Milch – bis die letzte keine Flüssigkeit mehr abgab. Entfallen ist auch das Umschütten von Eimern in Behälter und dann in den Tank  – oftmals von Fliegen umwirrt und unter anderen hygienischen Verhältnissen als heute.

Streicheleinheiten II: Zutraulich ist das Milchvieh der von Hoegens und lässt sich bereitwillig von unseren Lesern streicheln. Foto: Jürgen Lange

„Können Sie denn noch von Hand melken?“, lautet prompt die Frage aus der Leserschaft. „Ja selbstverständlich“, ist die Antwort der Landwirte, die das noch vor wenigen Jahren regelmäßig praktiziert haben und diese Handwerkskunst auch im Roboter-Zeitalter noch anwenden, wenn es erforderlich wird. Kühe sind eben individuelle Lebewesen und keine Maschinen.

Das gilt auch für den Fall, wenn eine Kuh erkrankt. Patienten werden von der Herde separiert und entsprechend der biologischen Vorschriften behandelt. Sollte doch einmal ein Antibiotikum eingesetzt werden müssen, wird die Milch weggeschüttet: In die Biogasanlage, die das Aufkommen der Landwirtschaft an biologischen Abfällen begrenzt sowie für eine eigenständige Strom- und Wärmeversorgung des Gutes und benachbarter Häuser in Dorff sorgt.

Viele Einblicke und viele Nachfragen weiter unsere Leser erreichen den Kälber-Stall. Plastikboxen stehen für jedes der jüngsten Kälber parat – für die ersten 14 Tage. Dann bekomt jedes Kalb die Milch genau von seiner eigenen Mutter, damit es die mit der Milch individuell vermittelten Immunstoffe aufbauen kann. In Form einer Kaltsauertränke, wo die Muttermilch so vorbehandelt ist, dass der erste Verdauungsschritt gewährleistet ist. Das hat den Vorteil, dass das Kalb den ganzen Tag aus seinem Eimer bei Bedarf trinken kann. Nach etwa zwei Wochen wechseln die Kälber aus ihren Boxen in einen größeren Stall mit altersgleichen Artgenosse, in dem diese ausgelassen herumtollen und Sozialverhalten lernen. Ein paar Wochen später geht’s weiter. Im Alter von drei Monaten teilen sie Stall – dort wo einst ihre erwachsenen Vorgänger standen – und Weide und werden weiterhin liebevoll umhegt. So wie unsere Leser, von denen viele noch ein paar frische Eier für den Heimweg kauften.

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