Interview der Woche: Wer singen will, ist herzlich willkommen

Interview der Woche : Wer singen will, ist herzlich willkommen

Agata Sewera hat klassische Musik in Krakau studiert, wohnt seit dreizehn Jahren in Stolberg-Breinig und leitet seit ungefähr zehn Jahren die Kirchenchöre St. Josef Schevenhütte und St. Cäcilia Hahn sowie den Chor der polnischen Mission St. Maria in Aachen.

Mit allen drei Chören gemeinsam im Verbund tritt sie in diesem Jahr zum vierten Mal in Folge bei der Chorbiennale in Aachen auf, die in diesem Jahr vom 12. Juni bis zum 22. Juni 2019 stattfindet. Im Interview mit unserer Mitarbeiterin Marie-Luise Otten spricht Sewera über Geduld, klassische Musik und vor allem talentierte Chorsänger.

Was treibt Sie an, Chöre zu leiten?

Sewera: Ich arbeite gerne mit Menschen, die sich, wie ich, für die Musik begeistern können.

Was ist das Faszinierende an der Chorarbeit?

Sewera: Die Chormitglieder sind Laien, können meistens keine Noten lesen, aber sind so begabt und so fasziniert von der Musik, dass sie selbst schwere Stücke lernen können. Das finde ich so faszinierend. Zum Beispiel haben sie das Halleluja von Händel nach Gehör gesungen und alles auswendig gelernt. Dafür muss man schon sehr begabt sein! Ich glaube, ich hätte das ohne Notenkenntnisse nicht geschafft.

Welche Voraussetzungen sind für die Chorleitung wichtig?

Sewera: Geduld ist das A und O.

Wer bestimmt die musikalische Ausrichtung, die Werke, die einzustudieren sind?

Sewera: Das letzte Wort hat die Chorleiterin, aber das ist immer mit den Vorsitzenden besprochen. Bei manchen Chören, zum Beispiel in Hahn, sind ein paar Leute dafür verantwortlich. Sie treffen sich und besprechen, welche Stücke wir singen werden. Und trotzdem habe ich als Chorleiterin das letzte Wort.

Ist Musik Teil Ihres Lebens?

Sewera: Selbstverständlich.

Sind Sie Liebhaber der klassischen Musik oder sind Sie auch offen für andere musikalische Stilarten?

Sewera: Ich liebe klassische Musik, denn das sind unsere Wurzeln. Aber ich mag auch moderne Musik, man kann so viele wunderschöne Stücke finden. Deswegen fand ich die Idee von unserem Konzert „Brücken bauen“ zwischen Alt und Neu auch großartig!

Ist die Jugend für die Chorarbeit noch zu begeistern?

Sewera: Das ist heutzutage schwer. Vielleicht funktioniert das noch bei Gospelchören. Aber in einem Kirchenchor mitzusingen, da haben jüngere Leute kaum Interesse mehr. Deswegen versuchen wir immer, etwas für alle Generationen zu finden und neben den typisch klassischen Sachen auch neue, moderne Stücke miteinzuflechten.

Was hat Sie bewogen, Schevenhütte und Hahn zusammen zubringen?

Sewera: Ich glaube, wir haben das gleiche Problem, wie fast alle Kirchenchöre. Es gibt zu wenig Leute. Eine Zusammenarbeit hat deswegen nur Vorteile. Jeder Chor singt Feste, Messen etc. alleine, und bei größeren Projekten tun wir uns dann zusammen. Manchmal unterstützen wir uns auch bei eigenen Festen. Das ist schon Tradition. Zu den großen Projekten zählt das Neujahrskonzert zu Beginn des Jahres mit zwei Aufführungen in Schevenhütte und Hahn. Wir versuchen jedes zweite Jahr etwas gemeinsam Großes auf die Beine zu stellen. Dazu laden wir dann auch „Gastsänger“ ein, so dass am Ende alle auf ein ganz tolles Erlebnis zurückblicken können. Die vielen Proben sind dann vergessen und alle zufrieden. Die Stimmung ist immer super!

Proben Sie das ganze Jahr über oder nur von Projekt zu Projekt?

Sewera: Wie schon gesagt, für die eigenen Messen und anstehenden Feste proben wir getrennt und das das ganze Jahr über. Alle zwei Jahre gibt es dann ein Konzert gemeinsam.

Was kommt nach dem Neujahrskonzert?

Sewera: Im Juni steht in Aachen die Chorbiennale an, wo wir dieses Jahr zum vierten Mal dabei sind. Dann wollen wir das Neujahrskonzert in jedem Fall noch einmal wiederholen, aber ich denke erst 2020.

Was erwartet die Zuhörer in Aachen?

Sewera: In diesem Jahr ist das Thema „Norden“. Wir möchten zwei Lieder auf schwedisch singen, aber auch ein paar Stücke von dem Neujahrskonzert. Da wir nur zwanzig Minuten singen dürfen, sind es höchsten fünf, sechs Stücke.

Gibt es in Ihren Chören so etwas wie Vorsingen? Oder welche andere Hürden sind zu bewältigen, um in einem Ihrer Chöre mitzuwirken?

Sewera: Nein, Vorsingen braucht keiner bei uns. Jeder, der singen möchte, ist herzlich willkommen!

„Jeder Mensch kann singen“ heißt es. Sehen Sie das auch so?

Sewera: Ja klar! Nur nicht jeder traut sich das zu.

Mehr von Aachener Nachrichten