Stolberg: Wenn keiner in die Stolberger Handicap-Sprechstunde kommt

Stolberg : Wenn keiner in die Stolberger Handicap-Sprechstunde kommt

„Ich weiß nicht, woran es liegt, dass das Angebot in Stolberg nicht angenommen wird“, sagt Tina Elsen. Sie arbeitet als Sozialarbeiterin bei der Kokobe (Koordinierungs-, Kontakt- und Beratungsangebote in der Städteregion für Menschen mit geistiger Behinderung).

Jeden ersten Donnerstag im Monat bietet Elsen eine zweistündige Sprechstunde im Stolberger Rathaus an, um Menschen mit Handicap zu beraten und ihnen zu mehr Selbstständigkeit im Leben zu verhelfen — vor allem, wenn sie von zu Hause ausziehen möchten. Doch das Beratungsangebot wird in Stolberg nicht angenommen. Elsen wartet in der Sprechstunde vergebens.

Für Menschen mit geistiger Behinderung sind strukturierte Abläufe wichtig, gerade in betreuten Wohngemeinschaften. Tina Elsen hilft beim Schritt in die Eigenständigkeit. Foto: Patrick Nowicki/AnneSchröder

Stein des Anstoßes

„Ich glaub' schon, dass mein Angebot hier gebraucht wird, aber ich habe keine Idee, warum es nicht genutzt wird. Wenn es Scheu ist, würde ich mir wünschen, dass Barrieren im Kopf abgebaut werden und den Leuten klar wird, dass ich auf ihrer Seite bin.“ Elsen berät auch in Eschweiler, wo die Resonanz wesentlich höher ist.

Sie ist wie ein Stein des Anstoßes. Ob es um Fragen zur Wohnsituation geht, um berufliche Aspekte, Freizeitgestaltung oder Hilfestellung bei Ämter- und Behördengängen — Elsen informiert und kann den Ratsuchenden weitere Hilfe vermitteln, um eine größtmögliche Eigenständigkeit zu fördern. Zu der kostenlosen Beratung müssen sich die Interessierten nicht anmelden.

Hauptthema in den Gesprächen ist vor allem die Wohnsituation. Ist der Gedanke da, von zu Hause auszuziehen, zeigt Elsen die verschiedenen Möglichkeiten auf und stellt fest, welche Wohnform für den Betreffenden am geeignetsten ist. Für manche Menschen mit Handicap ist eine stationäre Unterbringung mit 24 Stundenbetreuung sinnvoller als eine ambulante Fürsorge.

Bei letzterer Betreuungsform wird noch einmal unterschieden zwischen dem Leben in einer betreuten Wohngruppe und dem Beziehen einer eigenen Wohnung, die sich diejenigen im besten Fall auch selbstständig suchen. Allein sind die Bewohner hierbei aber auch nicht. Die Sozialarbeiterin legt die Stunden für einen Hausbesuch fest, den die jeweiligen Betreuer dann übernehmen.

Persönliche Entwicklung profitiert

Ein ausführliches Gespräch mit den Interessierten ist hierfür die Grundlage. Damit Elsen einen individuellen Hilfeplan aufstellen kann, wird unter anderem geguckt, was der Mensch mit Handicap gut eigenständig kann und wo Hilfe benötigt wird. „Das ist natürlich auch erstmal immer eine doofe Situation für denjenigen, denn wer erzählt jemandem Fremden schon gerne, was er nicht so gut kann. Deswegen steht das Kennenlernen und Vertrauenaufbauen zunächst im Vordergrund“, erklärt die 52-Jährige.

Den Hilfeplan schickt die Sozialarbeiterin dann an den Landschaftsverband Rheinland, der die Kokobe finanziert und ebenfalls die höchstmögliche Selbstständigkeit für Menschen mit Behinderung fördert. Damit endet ihre Beratung. Für Elsen ist diese Selbstständigkeit ein hohes Gut, das für alle Menschen so weit es geht ermöglicht werden sollte.

Gerade die persönliche Entwicklung profitiere davon: „Wenn die passende Wohnform gefunden ist, machen diejenigen am Anfang schon einen ziemlichen Schub. Sie wollen viele Sachen allein machen. Man merkt es auch an der Ausstrahlung, wie stolz sie darauf sind. Das stärkt den Charakter.“

Viele Menschen mit Behinderung werden lange von ihren Eltern zu Hause betreut. Wenn diese aber ins hohe Alter kommen und möglicherweise pflegebedürftig werden, müssen ihre mittlerweile 50- oder 60-jährigen Kinder plötzlich auf eigenen Füßen stehen. Elsen rät daher, ein eigenständiges Leben rechtzeitig zu fördern, bevor es zu einer ungünstigen Notsituation kommt.

„Ich erlebe in der Beratung oft Fälle von Familien, die sich an mich wenden, wenn nichts mehr geht. Dann muss schnell was gefunden werden“, berichtet die Sozialarbeiterin. Eine traurige Situation, denn nicht immer kann schnell etwas gefunden werden — das Angebot ist nicht groß genug. „Auch für den Menschen mit Handicap, der nichts anderes kennengelernt hat, ist so eine plötzliche Umstellung nicht immer einfach.“

Elsen, selber Mutter von vier Kindern, weiß, wie schwierig es sein kann, den Nachwuchs loszulassen: „Das bricht jeder Mutter das Herz“, aber es könne sehr schön sein, gemeinsam rechtzeitig adäquate Möglichkeiten zu finden. Die erstbeste Lösung einer Notsituation, sei nun mal nicht immer die beste, weiß Elsen. Auch Eltern sind in ihrer Sprechstunde herzlich willkommen, auch um mehr über die ihnen zustehenden Hilfen, wie beispielsweise den Fahrdienst, oder andere Angebote und Möglichkeiten zu erfahren.

Den von ihr initiierten Kinder- und Jugendtreff musste sie aufgrund fehlender Resonanz einstellen, aber sie arbeitet weiterhin daran, neue Angebote und Ideen zu entwickeln. Eine größere Aktion veranstaltet die Kokobe einmal im Jahr. Dieses Mal findet am 24. November eine Wohnmesse in Aachen statt, auf der viele Anbieter im Behindertenbereich ihr Wohnangebot vorstellen.

Ihren Job macht die 52-Jährige nach sechs Jahren immer noch sehr gerne: „Die Menschen haben das Herz an der richtigen Stelle. Es ist schön, ihnen dabei zu helfen, das umzusetzen, was sie sich für ihr Leben vorgestellt haben.“