Wenn Feuerwehrleute Redebedarf haben, kommt Norbert Janssen ins Spiel.

Psychosoziale Notfallversorgung : Auch Helfer brauchen manchmal Hilfe

Es kann ein Geräusch sein, ein Geruch oder auch nur ein Bild und schon ist die Erinnerung wieder da. Das kann der Gedanke an einen schrecklichen Verkehrsunfall sein oder auch der gescheiterte Reanimationsversuch. Beschäftigen diese Vorfälle die Einsatzkräfte der Feuerwehr und des Rettungsdienstes kommt Norbert Janssen ins Spiel.

Er gehört zum Team der psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) der Städteregion und weiß: „Viele Kollegen möchten das Angebot wahrnehmen, tun es aber nicht. Vielleicht, weil sie sich schämen.“ Zumindest erst einmal. So war es auch nach dem tragischen Unfall auf der Würselener Straße in Stolberg. Weder bei Janssen noch bei seinen Kollegen wurde bisher Gesprächsbedarf gemeldet. Das muss allerdings kein Grund zur Sorge sein. Schließlich brauche es manchmal einfach Zeit, sagt Janssen.

Seit der Gründung der PSNV vor knapp elf Jahren ist Janssen mit von der Partie. Das Team besteht aus Einsatzkräften der Feuerwehr, des THW und des DRK aus der gesamten Städteregion. Aus Stolberg sind – neben Janssen – auch Frank Joussen und Walter Koch dabei. Sie alle arbeiten bei der Feuerwehr. Das ist allerdings kein Muss. „Jeder, der sich dafür interessiert, kann dabei sein“, sagt Janssen. Vorausgesetzt, man absolviert entsprechende Schulungen (siehe Infobox). In diesen geht es unter anderem darum, wie Gespräche in Gruppen oder mit Einzelpersonen geführt werden, wie man richtig zuhört und Vertrauen aufbaut. „Man muss aber auch viel Bauchgefühl mitbringen“, sagt Janssen.

Als die PSNV an den Start ging, konnten sich Interessierte freiwillig melden. „Ich habe mich damals dafür entschieden, weil ich meinen Kollegen helfen wollte“, sagt der 56-Jährige. Und wie genau sieht diese Hilfe aus? Neben Gesprächen sei es auch wichtig, dass man die Kollegen beobachte, ohne, dass sie dies merken. So kann Janssen Veränderungen bemerken.

Und wie sieht die Praxis aus? Geschieht beispielsweise ein tragischer Unfall werden die Mitglieder der PSNV von den Wachen alarmiert. Sie bleiben dann in der jeweiligen Wache und bereiten sich vor.Nach dem Einsatz wird dann ein Stuhlkreis gebildet. „Wir reden eigentlich gar nicht viel, wir stellen uns vor und hören dann zu“, erklärt Janssen. Jeder hat dann eine Aufgabe: Ein Teammitglied führt das Gespräch, zwei weitere Teammitglieder beobachten und eine Person fungiert als so genannter Door Keeper und geht hinterher, sobald ein Betroffener den Raum verlässt. Mann müsse allen das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Sind Mitglieder aus dem Team bei einem Einsatz selbst dabei, dürfen sie ihre Kollegen allerdings nicht betreuen.

Das Gespräch suchen

Wann die Einsatzkräfte das Gespräch mit Janssen suchen? Das könne man pauschal nicht sagen. Auslöser seien meist mehrere schwere Unfälle, die unmittelbar nacheinander geschehen. Es kann allerdings auch vorkommen, dass Kollegen erst Wochen, Monate oder Jahre nach einem Ereignis das Gespräch suchen – beispielsweise, wenn sie durch einen bestimmten Geruch oder ein bestimmtes Geräusch an eine Situation erinnert werden. „Es gibt sicherlich Kollegen, die beim Unfall an der Würselener Straße im Einsatz waren und nun immer daran denken müssen, wenn sie dort unterwegs sind.“ Wird die Situation zu belastend – zum Beispiel durch wiederkehrende Unruhe oder schlaflose Nächte – oder sind Drogen oder Alkohol im Spiel, mit deren Hilfe das Erlebte verarbeitet werden soll, müssen Profis ran. Dann vermittelt Janssen an entsprechende Stellen weiter und erklärt seinen Kollegen, wie wichtig es ist, sich Hilfe zu holen.

 Janssen arbeitet seit 27 Jahren bei der Feuerwehr. Er ist im Rettungsdienst tätig, hat seinen Praxisanleiter und vor einem Jahr die Ausbildung zum Notfallsanitäter abgeschlossen. Er kümmert sich jedoch nicht nur um Kollegen, sondern führt auch Gespräche mit Angehörigen und geht zudem in Schulen. Er meint: Es gibt einen Unterschied in der Trauerarbeit bei Kollegen und Angehörigen. „Für Kollegen ist ein fremder Mensch verstorben. Für die Angehörigen ist es die Mutter, der Vater, die Tochter oder der Sohn. Da ist der Traurigkeitsgrad ein anderer“, sagt er. Auch an einer Einsatzstelle habe es bereits ein Gespräch mit Angehörigen gegeben. „Eigentlich ist das die Aufgabe der Ärzte oder Polizei, aber man kann sie ja dabei unterstützen“, sagt Janssen.

Was man für die psychosoziale Notfallversorgung mitbringen muss? „Ich überlege nicht so viel, sondern arbeite viel aus dem Bauch heraus. Vor allem muss man die Menschen ernst nehmen und Vertrauen aufbauen. Das ist ganz wichtig“, sagt der gebürtige Kölner, der in Langerwehe wohnt. Er selbst habe in seiner Zeit im Rettungsdienst und nach Gesprächen mit Kollegen noch keine Probleme gehabt. „Ich habe das Glück, dass ich nichts an mich heranlasse. Aber auch das kann sich ändern“, weiß der Koordinator des Rettungsdienstes. Die Weiterbildung zum Notfallseelsorger kommt für ihn übrigens nicht mehr in Frage. Mit 60 Jahren geht Janssen nämlich in den Ruhestand.

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