„Die größte Katastrophe für den Wald“: Wegen Borkenkäferbefall mussten 4000 Kubikmeter gefällt werden

„Die größte Katastrophe für den Wald“ : Wegen Borkenkäferbefall mussten 4000 Kubikmeter gefällt werden

Panikmache ist so gar nicht seine Sache: Aber Theo Preckel wird langsam Angst und Bange: „Wir haben die größte Käferkatastrophe, die ich je erlebt habe“, sagt Stolbergs Förster. Seit 31 Jahren hegt und pflegt er die Wälder der Kupferstadt, will sie in einem besseren Zustand im nächsten Jahr einem Nachfolger übergeben, als er sie übernommen hat.

Aber der Borkenkäfer droht allen Bemühungen einer nachhaltigen Forstwirtschaft den Garaus zu bereiten. „Ich muss jetzt wunderschöne 80 und 100 Jahre alte Fichten bei Zweifall fällen lassen“, hadert Preckel. Ob er sie verkauft bekommt, ist offen. Wenn doch, dann zu einem Preis weit unter Wert. Der Markt ist übersättigt mit Sturm- und Käferholz. Preckel ist froh und dankbar, dass sein Netzwerk mit den regionalen Sägewerken noch funktioniert.

Alleine im vergangenen Jahr musste Stolbergs Förster 7000 Kubikmeter Käferholz vorzeitig ernten. In der ersten Hälfte diesen Jahres sind es bereits 4000 Kubikmeter. „Sie wurden Opfer der ersten Generation“, sagt Preckel. „Nun ist bereits die zweite am Werk.“ Eine dritte Generation ist wahrscheinlich, eine vierte in diesem Jahr möglich.

„Wenn man bedenkt, dass ein einziges Borkenkäfer-Paar bis zu 250.000 Nachkommen pro Jahr haben kann, steht uns noch einiges bevor“, erklärt er. „Da hilft nur noch fällen und schnell aus dem Wald herausbringen.“ Der Trockenheit des vergangenen Sommers ist nicht beizukommen, und der aktuelle entwickelt sich nicht minder regenarm. Die paar Tropfen, die bislang gefallen sind, können kaum den Rohhumus anfeuchten, geschweige denn die Mineralschichten darunter mit Wasser tränken. „Das einzige, was uns noch retten kann, wäre Regen. Aber so viel Regen, wie wir bräuchten, kann gar nicht fallen“; sagt Preckel plakativ.

Typische Handbewegung: Forstwirt Thomas Corsten kommt mit dem Markieren der Käferbäume kaum nach. 4000 Kubikmeter sind bereits gefällt. Foto: Jürgen Lange

Bei einer Tour durch den Stadtwald führt Preckel Andreas Pickhardt das Ausmaß der Schäden vor Augen. Er leitet das Amt für Stadtentwicklung und Umwelt, zu dem der Stadtforst seit vier Jahren als eigenständige Abteilung organisatorisch zugeordnet ist. Der Förster kommt selbst bei dieser Runde kaum aus dem Fluchen raus. „Da ist schon wieder einer“, sagt er und zeigt auf die ersten kahlen und braunen Stellen der Fichte. Dabei hatte Preckel mit seinem Team den Bestand kaum durchforstet.

Thomas Corsten kommt kaum nach. Dosenweise mit Sprühfarbe ausgestattet, markiert der Forstwirt die Stämme, die gefällt werden müssen. Zuerst sind es nur einzelne Bäume. Dann greift der Käferfraß um sich, eine kleine Lichtung entsteht. Die nächste Phase ist ein größerer Kahlschlag in der Fläche.

Am Montag wird ein zweiter Harvester eingreifen, um die ungewollte Holzernte zu forcieren. „Ich habe Glück gehabt, dass wir den verpflichten konnten“, sagt Preckel. Harvester sind spezielle Holzernte-Maschinen, die die Bäume festhalten, sie fällen, entasten und für den Abtransport zuschneiden oder aus dem Bestand an den Waldweg ziehen können. Sie schaffen mehr als die Forstwirte per Hand.

Aber die schweren Maschinen sind nicht überall einsetzbar. Im unwegsameren Gelände muss das kleine Team von Theo Preckel mit der Kettensäge ran. Michael Schmitz und Wolfgang Fieger sind zwei der Forstwirte, denen die Arbeit mittlerweile ein wenig eintönig vorkommt. Seit Wochen sind sie an der Käferfront im Einsatz. Ein Ende ist nicht in Sicht. „Sturm, Käfer, Sturm, Käfer“, sagt Fieger. Die Spirale wäre nur durch reichlich Regen zu stoppen. Der Sturm schlägt Kerben in die normalerweise geschlossenen Waldreihen. Hier setzt bei Trockenheit zuerst der Borkenkäfer an und frisst sich durch die Baumreihen. Der gelichtete Bestand bietet wiederum dem nächsten Sturm neue Angriffspunkte.

Neverending story: Und immer wieder fällt der Blick des Försters zwischen grünem Laub auf neue Opfer des Borkenkäfers. Foto: Jürgen Lange

Der Einsatz an der Käferfront ist so aufwändig, dass normale Durchforstungen der Bestände zurückgestellt werden müssen. Die Pflege von Waldwegen erst recht. Es ist ein Kampf gegen die Zeit und die Evolution des Käfers. Alles muss raus, was befallen ist. Angesichts der Folgen des Klimawandels ist sich Preckel sicher, dass die Fichte absehbar aus unseren Breiten verschwinden wird.

Aber sie ist bei weitem nicht sein einziges Sorgenkind. Eichen und Buchen sind angeschlagen, die Kronen licht und angreifbar für Schädlinge. „Eine Folge des Wassermangels“; erklärt Preckel. Douglasien und Kiefern präsentieren sich derzeit auch nicht als Alternativen zum Wirtschaftsbaum Fichte.

Die Schütte, eine Pilzart, ist erst in jüngerer Zeit in die Eifel vorgedrungen. Sie schädigt Douglasien, deren Nadeln abfallen. Denn Buchdrucke, eine Käferart, hat Preckel in befallenen Kiefern entdeckt. Eine Pilzart befällt Erlen, Gallmilben breiten sich beim Ahorn aus, Miniermotten zerfressen längst nicht mehr nur Kastanien. Bei anhaltender Trockenheit sind die Bäume zu schwach, sich gegen Schädlinge zu wehren, in dem sie sie beispielsweise mit Harz „einfangen“ wollen.

Der Borkenkäfer setzt derzeit dem Ganzen die Krone auf. Aus einemSekundär- ist ein Primärschädling geworden, sagt Preckel. Befällt der kleine Käfer normalerweise nur kranke Bäume, so sind mittlerweile selbst gesunde nicht mehr vor ihm sicher.

Langsam wird’s eintönig: Forstwirt Wolfgang Fieger ist schon seit Wochen mit dem Fällen von Käferbäumen befasst, aber ein Ende ist nicht in Sicht. Foto: Jürgen Lange

Sicher ist sich der Förster selbst nicht mehr, was er dort einmal pflanzen soll, wo seine Jungs heute den Kahlschlag üben müssen. Welche Baumart wird an welchem Standort eine Überlebenschance haben. Forstleute denken dabei in anderen Dimensionen als Gärtner. Während Salat nach ein paar Wochen geerntet werden kann, dauert es Generationen bis aus kleinen Setzlingen stattliche Bäume gewachsen sind. In den Baumschulen setzt sich Preckels Problem fort.

Setzlinge sind kaum zu bekommen und wenn, zu anderen Qualitäten und Preisen als gewohnt. Und dort, wo der Stadtförster Kulturen angelegt hat, entwickeln die sich nicht so stattlich wie erhofft. „Wildverbiss“, sagt Preckel beim Blick auf eine Eichenkultur, die eigentlich zwei Meter messen müsste, aber kaum über einen Meter hinaus gekommen ist. „Wir haben einen zu hohen Wildbestand, und unsere Jagdpächter schießen zu wenig“, meint Preckel. Auch das ist eine Entwicklung, die seit dem Orkan Kyrill vor zwölf Jahren an Dramatik zugenommen hat.

Mittlerweile am Frackersberg angekommen, blickt der Förster mit dem Fernglas über das Tal der Vicht auf die gegenüberliegende Fernsicht. Zwischen dunklem Grün zeichnet sich ein neuer brauner Fleck im Baumbestand ab. „Da ist noch ein Käferbaum“, sagt Preckel. Auf der anderen Talseite angekommen, kann von einem einzelnen Baum keine Rede mehr sein. Nadeln auf dem Boden, Sägemehl an den Stämmen – ein gutes Dutzend alter Fichten ist ein Opfer des Bornenkäfers geworden. „Es die größte Käferkatastrophe, die ich je erlebt habe“, wiederholt Theo Preckel.

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