Stolberg: Wasser weicht, die Lage bleibt angespannt

Stolberg: Wasser weicht, die Lage bleibt angespannt

„Es war wohl 1966, als die Vicht zuletzt über die Ufer trat“, sagt Herbert Wiese. Damals floss der Bach bis zur Stadthalle. Seitdem hat der Stadtbrandinspektor nicht mehr so gefährliche Fluten erlebt wie am Mittwoch. „Wir sind knapp an der Katastrophe vorbei gekommen“.

Das gilt auch für Vicht. Dort ist es der Fischbach, der neben dem überall drückenden Grundwasser sein enges Bett verlässt. Nur wenige Zentimeter fehlen in der Nacht, da wäre die auch Vicht am Kindergarten übergelaufen. Gleiches gilt für Offermann-Platz und Mohlenbend. Erst um 2 Uhr ist der Pegel sichtbar gesunken. Die Lage entspannt sich. Um 8.30 Uhr tritt der Krisenstab zur Abschlussbesprechung zusammen. Dann wird aufgeräumt und die Ausrüstung wieder fit gemacht für nächste Einsätze. Deutlich verbessert ist die Lage in Vicht. Die Aufräumarbeiten laufen. Allerdings ist die Landesstraße 238 weiterhin

Durch die starken Wassermassen wurde der Vichtbach teilweise zu einem großen Strom.

Zu dieser Zeit ist die Otto-Thiel-Brücke in der Eisenbahnstraße (L 23) noch gesperrt. Treibgut des Münsterbachs hängt vor dem Tragwerk. Das Technische Betriebsamt hat für solche Fälle eigens einen Friedhofsbagger in die Stadt beordert. Am Abend hatte Josef Heitkamp ihn bereits erfolgreich an der Brücke Sonnental eingesetzt.

Gegen 22 Uhr fließt der Fischbach an Seniorenheim und ehemaligem Kunsthof vorbei und über die Eifelstraße. Feuerwehr und Polizei patrouillieren. Am Vormittag kann dort aufgeräumt werden. Schläuche werden eingerollt. Sandsäcke liegen noch parat. Auch in der Innenstadt haben Eigentümer vorgesorgt. Im Steinweg sind viele Eingänge und Kellerfenster verbarrikadiert.

THW-Helfer sichern einen Mühlgraben, der ein Wärterhaus der Kläranlage Steinfurt bedroht und errichten einen Steg, damit Bewohner ihr Haus im Schnorrenfeld erreichen können. Doch dort bleibt die Situation vergleichbar entspannt. Bei früheren Hochwasserlagen steht dort als erstes in der Kupferstadt die halbe Siedlung unter Wasser. Die „Badewanne“, die der Wasserverband Eifel-Rur (WVER) in der Hamm geschaffen hat, zeigt Wirkung. Allerdings bedrohen der Bach die Brücke der Vennbahnstrecke und die Nässe den Gleisdamm. Die Euregiobahn kann nicht den Betrieb Richtung Altstadt aufnehmen. Der Güterverkehr entfällt. Auch weil Rohstoffe für die Stolberger Industrie schon in Köln nach einem Zwischenfall hängen bleiben.

Gegen 22 Uhr fließt der Fischbach an Seniorenheim und ehemaligem Kunsthof vorbei und über die Eifelstraße. Am Vormittag liegen noch Sandsäcke parat.

Bis in den Nachmittag bleibt die Ortslage Vicht für den Durchgangsverkehr auf der Landesstraße 238 gesperrt. Sandsäcke sichern noch Hauseingänge, aus vielen Kellern wird noch Wasser abgepumpt. In einigen Fällen muss das Spezialunternehmen Kutsch Ölabscheider einsetzen. Das evakuierte Seniorenheim bleibt für Aufräum- und Renovierungsarbeiten erst einmal geschlossen. Feuerwehrleute bauen ihr Einsatzmaterial ab. Fast trocken ist jetzt die Eifelstraße, die dort in der Nacht noch unter Wasser stand. Für die vom Hochwasser betroffenen Eigentümer wird der ganze Schaden sichtbar. Zumeist ein Fall für die Elementarversicherung des Gebäudes. Schon in der Nacht zählt Jürgen Kaussen wie andere Versicherungskollegen zu den gefragten Leuten in Vicht und in der Altstadt, wo es bei voll gelaufenen Kellern bleibt.

Von einem statistisch gesehen alle 20 Jahre eintretenden Hochwasser an ist für die Altstadt mit deutlichen Schäden zu rechnen. Bei einem 50-jährlichen Ereignis werden sie weit über 13 Millionen Euro liegen, erklärten im August 2008 WVER-Vertreter im Rathaus, als sie ihre Überlegungen zu einem verbesserten Hochwasserschutz für die Kernstadt vorstellten: den Bau von Auffangbecken am Oberlauf der Vicht.

„Für die Schutzbecken wollen wir im Herbst ins Planfest­stellungs­verfahren gehen“, bestätigte am Donnerstag WVER-Sprecher Marcus Seiler. Ende 2016 kann dann mit der Detailplanung und Auftragsvergabe gerechnet werden. Sie sollen über 1,2 Millionen Kubikmeter Stauraum bieten. Er soll dann einem Jahrhundert-Hochwasser gerecht werden. Immerhin bezieht der Vichtbach sein Wasser aus einem 108 Quadratkilometer großen Einzugsgebiet.

Das der Dreilägerbachtalsperre umfasst lediglich zwölf Quadratkilometer. Und die ausschließlich zur Trinkwasserversorgung dienende Talsperre hat nicht mehr Wasser als üblich abgegeben, stellt Enwor-Sprecher Wolfgang Fischer klar. Entnommen werde der Talsperre nur das zur Wasseraufbereitung benötigte Nass. Lediglich über die Umgehungsleitung der Talsperre könnten technisch bedingt maximal 2,5 bis 3 Kubikmeter weiterfließen, so Fischer: „Die Talsperre ist auch nicht übergelaufen. Wir freuen uns ebenso wie der WVER an der Wehebachtalsperre über jeden Tropfen, der zusätzlich in das Becken läuft.“

Weiteren Regen angekündigt

Anders die Anlieger der Bäche. Sie freuen sich in der Nacht über jeden Sandsack und jede Pumpe, die vor einem zusätzlichen Tropfen schützt. Über 10.000 Sandsäcke werden bei dem Einsatz verbaut. Eine aus Düren georderte Füllmaschine für Sand dient in Mausbach beim TBA zur Sicherung des Nachschubs. Aus Düren, Jülich, Hürtgenwald und Schleiden eilen THW‘ler zur Unterstützung ihrer Kollegen nach Stolberg. „150 Helfer haben wir im Einsatz“, resümiert Thomas Johnen, Hochwasser-Experte des Stolberger THW, der im Stab die Hilfeleistungen rund um Sandsack, Transport und Brückenbau koordiniert.

Aus Simmerath, Monschau, Baesweiler, Alsdorf und Aachen rücken Löschzüge an, um die Stolberger Feuerwehr im Kampf gegen das Hochwasser zu entlasten. Die Polizei kann auf starke Kräfte zurückgreifen, berichtet Pressesprecher Paul Kemen, die eigentlich das Public Viewing in der Region im Auge behalten sollten. Da das weitestgehend ins Wasser fällt, werden kurzerhand gut 50 Kräfte an die Wasserfront nach Stolberg beordert, um Straßen zu Sperren und die Bürger zu sichern. Über 500 Helfer sind in dieser dramatischen Nacht im Einsatz.

Dr. Tim Grüttemeier macht sich bis nach Mitternacht selbst ein Bild der Lage — im Stab ebenso wie an den Brennpunkten. Für den Bürgermeister ist es der erste Großalarm in der Kupferstadt. „Ich danke ausdrücklich allen Helfern, die sich in Stolberg engagiert haben, ebenso wie den Kommunen, die uns zur Hilfe geeilt sind.“

Ruhe findet die Stolberger Feuerwehr nicht. Gegen 15.30 Uhr wird sie zu einem Brand in einem Mehrfamilienhaus an der Klatter­straße gerufen. Hauptwache und der zweite Zug rücken komplett aus, können rasch entwarnen. Angebranntes Essen war schnell im Griff. „Für die kommenden Tage sind weitere Regenfälle angekündigt, so dass mit einer Entspannung noch nicht gerechnet werden kann. Der Hochwasseralarm in Stolberg bleibt weiterhin in Kraft“, sagt die Städteregion.

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