Vortrag zum Stadtjubiläum: Mit dem Bau der Neustraße fing alles an

Vortrag zum Stadtjubiläum : Mit dem Bau der Neustraße fing alles an

Die historische Altstadt Stolbergs ist allen Bürgern bekannt und die Schönheit der Gassen, Häuschen und malerischen Winkel auch über die Grenzen der Kupferstadt hinuas auch kein Geheimnis mehr.

Toni Dörflinger nahm nun aus Anlass seines vierten historischen Vortrags zum 900-jährigen Stadtjubiläum einige Dutzend Besucher im Saal des Kulturzentrums mit auf eine Reise in die Historische Neustadt Stolbergs.

Bevor auf die Architektur und ihre Schöpfer eingegangen werden konnte, musste der Lokalhistoriker historische Einordnung und Aufklärungsarbeit leisten: wieso und wo überhaupt eine ‚historische Neustadt‘?

Unterstützt von sehr aussagekräftigen Karten und Planungsunterlagen aus den Beständen des Stadtarchivs führte der Referent aus, dass es neben der Altstadt, die eine Burgsiedlung auf dem rechten Vichtufer ist, auf dem linken Ufer die Neustadt gibt, die sich städtebaulich und stilistisch völlig unterscheidet.

In jahrelanger Arbeit über Stolberger Architektur und ihre Architekten hatte Toni Dörflinger stets wiederkehrende Baumeister in den Archivakten ausfindig gemacht. Wilhelm Schleicher und Carl Peltzer waren zwei der fleißigsten und gefragtesten Schöpfer gründerzeitlicher Architektur in Stolberg. Denn genau das ist es, was die historische Neustadt ausmacht, wie Dörflinger darstellte. Es sind Bauwerke des 19. Jahrhunderts, die im Anspruch an Gestaltung und Wohnkomfort ganz andere Anforderungen stellten als die urtümlichen Bruchsteinbauten rings um die Burg.

Historistische und Jugendstil-Wohn- und Geschäftshäuser mit großen Räumen und geschmackvoll gestalteten Fassaden, allesamt historische Stile und Versatzstücke zur Zierde verwendend. Auch Oskar Hellge aus Aachen und einigen namentlich nicht bekannten Architekten war der Referent auf der Spur nach dem verbindenden Prinzip im Bauen einer neuen Stadt, als Stolberg gerade „Stadt“ geworden war und seine chaotische Struktur einer frühneuzeitlichen Gewerbesiedlung aufgeben wollte.

Lockere Streusiedlung

Denn ausgehend vom Meigen-Plan, 1811 geschaffen, wurde den interessierten Zuschauern schnell klar, dass das alte Stolberg eine lockere Streusiedlung war, wo Wege zwischen Kupferhöfen und vereinzelten Häuschen wenig Struktur und Ordnung erkennen ließen.

Über dieses städtebauliche Chaos hatte die Stadtverwaltung sukzessive ein Netz aus Straßen- und Fluchtlinienplänen gelegt, die das rasante Bevölkerungswachstum in neuen Straßen und modernen Häusern gestalten und lenken sollten.

Große Häuser, gerade Straßen, Grünanlagen sollten den Talgrund anfüllen. Und Altes weichen, wo nötig. An der Salmstraße, der damaligen Neustraße, fing alles an, wie man erfuhr. Dörflinger erklärte, dass die um 1850 errichtete neue Hauptstraße schließlich nicht umsonst fast hundert Jahre lang diesen Namen trug.

Über Wiesengelände gelegt, mussten an der Mühlener Brücke einige Häuser weichen, um der breiten Straße Platz zu machen. Einige weitere folgten im Verlauf über die Rathausstraße bis zum Steinweg, die im Wesentlichen das Areal der historischen Neustadt umschreiben.

Lange nur spärlich und ungeordnet bebaut, wurden der Steinweg und die Rathausstraße zum neuen Stadtzentrum mit wichtigen Einrichtungen. Kaufhäuser, Banken, Genossenschaften, das Postamt, Schulen, und das Amtsgericht lagen nebeneinander und vis-á-vis, gruppiert um das ältere Rathaus.

Dörflinger, der über die meisten historischen Häuser Stolbergs bereits gearbeitet hat, stellte Bauherren und Baumeister der neuen Stadthäuser an der Kortumstraße, Sonnental- oder Grüntalstraße dar, die alle einem Ziel und einem Plan folgten.

Stolberg wollte eine schöne, moderne Stadt werden, die der Industrie, dem Handel und den Bürgern ein lebenswerter Ort ist. Wie Dörflinger betonte, ist gerade der prächtige Kern der Historischen Neustadt am Steinweg und der Rathausstraße bis heute ein Aushängeschild auch von touristischem Wert.

Die Bauten Schleichers, Peltzers, Hellges und aller anderen bilden längst ein sehenswertes Ensemble, das jenseits der schönen Stolberger Altstadt einen eigenen Charakter und eigenen städtebaulichen Wert besitzt.

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