Stolberg: Voller Schönheit und Tiefe: Das Newa-Trio aus St. Petersburg

Stolberg: Voller Schönheit und Tiefe: Das Newa-Trio aus St. Petersburg

Kirchenmusik ist in den russisch-orthodoxen Kirchen rein vokal, das heißt, es gibt keine Orgel, kein Harmonium, kein Klavier oder andere begleitende Instrumente. Kirchenmusik ist gleich Kirchengesang. Nicht nur diesen Kirchengesang gab es beim 5. Konzert des Internationalen Konzertzyklus auf dem Finkenberg.

Das Newa-Trio aus St. Petersburg, das sich zur Zeit auf Tournee durch Deutschland und der Schweiz befindet, machte auch Halt in Stolberg.

Mezzosopranistin Olga Romanovskaja, Pianistin Anastasia Zhuravliova und Boris Kozin, Bariton und Violine, ließen den Geist des alten, anscheinend unvergänglichen Russlands für kurze Zeit wieder aufleben. Vielfältige Ausdrucksformen aus unterschiedlichen Stilepochen wurden dargeboten. Das Programm war geprägt von einstimmigen oder zweistimmig-rezitativischem Gesang bis hin zu konzertanten Stücken Rachmaninows und Tschaikowskys.

Das Publikum in der voll besetzten Kirche war begeistert und ließ sich immer wieder zu spontanen Beifallsbekundungen hinreißen. Schon das Eröffnungsstück, der einstimmige Lobpreis an die Mutter Gottes, offenbarte dem westlichen Zuhörer eine andere Welt, die fremd, faszinierend und geheimnisvoll zugleich war. In der russischen Kirche wird die Gottesmutter noch heute von ganzem Herzen in Gebeten und Hymnen verehrt. Etwa 400 unterschiedliche Ikonen der Gottesmutter sind bekannt. Sie steht in der Ostkirche für das Himmlische, das dem Irdischen entrückt ist, so Olga Romanovskaja, die die Bedeutung der russisch gesungenen Stücke ins Deutsche übersetzte. Jede Stadt habe ihre eigene Heilige Maria. Oster- und Weihnachtsgesänge sind auch in Russland fröhliche Lieder.

Die Liebe zur russischen Heimat und insbesondere der Glaube an und die Demut vor Gott spiegelten sich in den Gesängen wider. Voller Schönheit und Tiefe präsentierten die geschulten Sänger und hier besonders Olga Romanovskaja diese einzigartige Musik. Zwischen den vokalen Werken erwies sich die 25-jährige Anastasia Zhuravliova als glänzende Interpretin weltbekannter Klavierstücke von Sergei Rachmaninow. Ihre Palette umfasste Klänge von orchestraler Kraft bis hin zu filigranen Passagen. Technisch perfekt und brillant im Anschlag spielte sie das „Prélude cis-Moll”, das nach seinem Erscheinen sogleich um die Welt ging und dem Namen des Komponisten eine beispiellose Popularität einbrachte.

Man glaubte die Schwermut der russischen Landschaft und die Leidenschaft ihrer Bewohner mitzuerleben. Russische Romanzen bilden ein eigenes Genre, das in etwa dem deutschen Kunstlied entspricht. Sie beruhen auf Leidenschaft, Liebe, Enttäuschung und Trauer. Feurige, lebhaft mitreißende Stücke, die eine glückliche Liebe zum Inhalt hatten, wechselten mit melancholischen (unglückliche Liebe) ab.

Zwölf intime Stimmungsbilder, die die Monatsnamen eines Jahres tragen, hat Peter Iljitsch Tschaikowsky zu den „Jahreszeiten” vertont. Hieraus spielte Anastasia Zhuravliova, den „Oktober” und „November”. Es war faszinierend, wie dieses junge Nachwuchstalent die Stimmungen auf den Tasten in Szene setzte.

Das russische „Butterfest” vertreibt Kummer und Sorgen, wie es in einem russischen Volkslied heißt und beendete einen emotionalen und ausdrucksstarken Konzertnachmittag. Doch erst nach dem bekannten „Kalinka” entließ das Publikum die Künstler.

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